„Jahre des Jägers“: Würdiges Ende für Don Winslows Trilogie

Winslow zeigt sich in „Jahre des Jägers“ so politisch wie nie zuvor.
Winslow zeigt sich in „Jahre des Jägers“ so politisch wie nie zuvor.(c) Droemer-Verlag

Der amerikanische Autor Don Winslow erzählt vom Kampf der US-Drogenfahnder gegen die mexikanischen Kartelle. Ein hoch empathischer Krimi.

Mit „Tage der Toten“ setzte US-Autor Don Winslow Anfang der 2000er-Jahre neue Maßstäbe im Krimi-Genre. Realismus pur, bis an die Schmerzgrenze – und darüber hinaus. Durch seine Erzählweise aus vielen Perspektiven machte er den globalen Drogenkrieg am Beispiel Mexikos begreifbar, vom kleinsten Rädchen im Getriebe bis zum einflussreichen Drogenboss, vom Fahnder bis zum Killer.

Besser als jedes Sachbuch legte Winslow die Mechanismen und Logiken des Drogenkrieges offen und überzeugte darüber hinaus durch präzise Charakterstudien sowie einen ausgeklügelten Plot bis zur letzten Wendung. In „Das Kartell“, dem im Jahr 2015 erschienenen zweiten Teil seiner rund 2500 Seiten umfassenden Drogen-Trilogie, litt die Geschichte, weil der Autor versuchte, jedem einzelnen Opfer der brutalen Exzesse in Mexiko gerecht zu werden. Phasenweise las sich das Buch wie eine Chronik all der Grauslichkeiten des Drogenkriegs. Ein sehr ehrbares, literarisch aber etwas enttäuschendes Unterfangen.

Nun erzählt der Ausnahme-Autor im abschließenden Teil erneut von den mächtigen mexikanischen Drogenkartellen, deren Aufstieg seiner Meinung nach aber erst die USA ermöglicht haben. „Welcher Schmerz sitzt so tief im Herzen der amerikanischen Gesellschaft, dass wir zu Drogen greifen, um ihn zu lindern?“, fragt der legendäre Drogenfahnder Art Keller, der in „Jahre des Jägers“ zum Chef der Drogenbehörde DEA aufsteigen wird. Winslow hasst die Scheinheiligkeit, wenn von einem „mexikanischen Drogenproblem“ die Rede ist. „Wir alle sind das Kartell“, heißt es. Der Krieg gegen die mexikanischen Bosse ist, obwohl Keller die Spitze der Karriereleiter erreicht hat, nicht leichter geworden. Ganz im Gegenteil, nun führt er auch Krieg gegen die eigene Regierung. „Aber eigentlich ist beides dasselbe.“

Der Feind im eigenen Land. Ist es Winslow gelungen, zur Qualität seines Meisterwerks „Tage der Toten“ zurückzukehren? Ja. Wenn man jene unnötigen Actionszenen am Anfang und Ende des fast 1000-seitigen Buches weglässt, dann überzeugt Winslow in allen Belangen. Er erzählt vom Kampf der US-Drogenfahnder gegen die mexikanischen Kartelle, obwohl, wie erwähnt, die Feinde oft im eigenen Land zu sitzen scheinen: an den politischen und finanziellen Machthebeln im Weißen Haus und an der Wall Street.

Winslows Stärke ist es, aus den vielen kleinen und schnell vergessenen Meldungen, die man aus den Nachrichten kennt, ein hoch empathisches Werk, ein wahres gesellschaftliches Panorama zu machen. Mit anderen Worten: ein wenig schmeichelhaftes Porträt der von einer Opioid- und Heroin-Epidemie heimgesuchten USA. Er zeigt, wie das Leben eines kleinen Flüchtlingsbuben aus Guatemala, der illegal in die USA gelangt, mit jenem einer Heroinsüchtigen aus dem US-Mittelstand und dem eines New Yorker Undercover-Polizisten zusammenhängt. Gekonnt lässt er die drei Figuren kurz vor Schluss aufeinanderprallen.

Winslow zeigt sich in „Jahre des Jägers“ aber auch so politisch wie nie zuvor. Der Verfechter einer Legalisierung der Drogen – damit würde den Kartellen ihr Geschäftsmodell entzogen, meint er – lässt seine Figur Keller einen offenen Feldzug gegen den fiktiven US-Präsidentschaftskandidaten John Dennison, unschwer als Donald Trump erkennbar, führen. Auf Twitter nimmt sich der Autor ohnehin seit Monaten kein Blatt vor den Mund – fast täglich attackiert er den realen Präsidenten.

Hoffnung am Schluss. Durch die deutsche Übersetzung geht die vielseitige Bedeutung des Originaltitels „The Border“ verloren. Es geht sehr viel um Grenzen, nicht nur geografische, auch moralische. „Auf beiden Seiten der Grenze regieren jetzt brutale, dumme Männer“, lässt Winslow seine Figur Keller am Ende der Trilogie denken. Angesichts der zuvor geschilderten unglaublichen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten überrascht er mit einem unerwarteten Schimmer von Hoffnung: „Aber eine Mauer gibt es nicht [. . .]. Zumindest noch nicht. Vielleicht wird es nie eine geben.“

Neu Erschienen

Don Winslow:
„Jahre des Jägers“

Übersetzt von
Conny Lösch,
Droemer-Verlag,
991 Seiten,
26,80 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2019)