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Einblicke in den schweren Kampf gegen Doping

Wie viel kostet eigentlich eine Dopingkontrolle? Wie viele Kontrolleure gibt es in Österreich? Und warum sind Kontrollen außerhalb von Wettkämpfen sinnvoller?

Der Dopingskandal von Seefeld am Rande der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Tirol hat nicht bloß die rotweiß-rote Sportwelt in ihren Grundfesten erschüttert. Allerorts wird wild diskutiert und spekuliert, über gedopte Athleten, Drahtzieher sowie Hintermänner – und auch darüber, wie sauber respektive schmutzig der Spitzensport gegenwärtig ist oder überhaupt sein kann. Für Johannes Dürr war die Antwort auf diese Frage eindeutig. Doping und Spitzensport, so der Zugang des am Dienstag 32 Jahre alt werdenden Niederösterreichers, sind unmöglich voneinander zu trennen.

Am 23. Februar 2014, dem Tag des 50-km-Rennens der Langläufer bei den Olympischen Spielen in Sotschi, wurde bekannt, dass Dürr eine Woche zuvor bei einer Trainingskontrolle in Österreich positiv auf EPO getestet wurde. Die Nationale Anti-Doping Agentur (Nada) hatte den ÖSV-Hoffnungsträger zu dieser Zeit schon länger unter Verdacht. Dürr wurde vor Sotschi innerhalb von zwei Monaten von Nada und dem Weltskiverband FIS gleich elf Mal getestet. Der damals 26-Jährige hatte sich (zu) sicher gefühlt, tatsächlich wurden in seinen Proben aber bereits Auffälligkeiten festgestellt. Dass Dürr während der Olympischen Spiele Russland nochmals verlassen hatte, um sich in der Heimat auf das abschließende 50-km-Rennen „vorzubereiten“, war für die Doping-Jäger bereits als Signal zu werten. Die anfänglichen Verdachtsmomente, sie erhärteten sich letztlich.

Wird ein Sportler erwischt, dann meist wie Dürr bei einer Trainingskontrolle. „Wenn ich im Wettkampf positiv getestet werde, dann habe ich irgendetwas falsch gemacht“, erklärt David Müller, Leiter für Information und Prävention bei der Nada. Denn bei den sogenannten OOC-Proben, den Out-of-Competition-Kontrollen, weiß der Athlet nie, ob der Kontrolleur heute, morgen, am Vormittag oder abends kommt. 3224 Kontrollen (73,9 Prozent Urin, 26,1 Prozent Blut) wurden von der Nada 2017 insgesamt durchgeführt. Die Zahlen für 2018 werden in den nächsten Wochen publik gemacht.

Die Nada setzt in Österreich rund 35 Dopingkontrollteams ein und vertraut dabei auf das Vier-Augen-Prinzip. Dem leitenden DCO (Doping Control Officer) steht immer ein Assistent zur Seite. Die Teams werden dabei regelmäßig neu zusammengesetzt, damit auch möglichst kein Nahverhältnis zu den Sportlern entstehen kann. Kontrolleure sollen bevorzugt aus dem öffentlichen Dienst, dem Gesundheitsbereich oder von der Polizei kommen. Kurzum: „Es sollen Leute sein, die es gewohnt sind, strukturiert zu arbeiten“, sagt Müller. Bei einer Kontrolle müsse man doch genaue Abläufe einhalten.

(c) Die Presse


Kostspielig. 300 bis 400 Euro kostet eine standardmäßige Dopingprobe, das Teuerste sind dabei die Personalkosten. Wenn Urin, Blut und spezifische Parameter wie Wachstumshormone untersucht werden, dann kann eine einzige Probe bis zu 1000 Euro an Kosten verursachen. In Österreich ist es den einzelnen Sportfachverbänden vorbehalten, zusätzlich zu den von der Nada ohnehin vorgenommenen Kontrollen weitere Proben zu bestellen.

Der ÖSV etwa investiert seit der Saison 2016/2017 jährlich rund 50.000 Euro, um zusätzliche Kontrollen der Nada sicherzustellen. 2017 gab es vonseiten des ÖSV 626 bestellte Proben, auch der Radsportverband ÖRV (84 bestellte Proben) und der Volleyballverband ÖVV (74) wurden aktiv. Werden keine Proben bestellt, dann liegt es wie auch etwa bei einer Welt- oder Europameisterschaft in Österreich im Ermessen der Nada, ob und wie viel kontrolliert wird.

Seit 2010 setzt die Nada im Kampf gegen Doping auf die Erkenntnisse aus dem ursprünglich von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada eingeführten Biologischen Pass. Dabei werden bestimmte Blutparameter erfasst und können über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Extreme Normabweichungen, etwa ein Hämatokritwert von über 50 Prozent wie zur EPO-Hochzeit im Radsport, fallen umgehend auf. In Österreich hat jeder zumindest einmal getesteter Sportler einen solchen Biologischen Pass. Je mehr Kontrollen in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden, desto aussagekräftiger ist dieser. Besonders aussagekräftig ist er bei rund 150 bis 200 heimischen Athleten, die mindestens drei Mal pro Jahr getestet werden.

Dennoch, Kritiker sehen im Blutpass keineswegs den großen Durchbruch im Kampf gegen Doping, der frühere Drahtzieher Stefan Matschiner nannte ihn vor wenigen Tagen sogar „eine Augenauswischerei“. David Müller sieht dies naturgemäß anders, er sagt: „Es ist zwar nicht so, dass wir dadurch die Athleten reihenweise des Dopings überführen, aber wir sehen eben Veränderungen, es entstehen Verdachtslagen.“ Ein Paradebeispiel sei Johannes Dürr. Und: „Jede neue Nachweismethode, die entwickelt wird, hat auch abschreckende Wirkung.“

Dem Vorstoß der Nada-Deutschland-Chefin Andrea Gotzmann gegenüber der „Presse“, künftig auch unmittelbar vor Wettkämpfen Blutkontrollen durchzuführen, begegnet Müller noch mit etwas Skepsis. Auch, was regelmäßige Kontrollen mitten in der Nacht – von 23 Uhr bis 6 Uhr werden Athleten nur bei einem wirklich konkreten Verdacht getestet – angeht. „Irgendwann muss man sich die Frage stellen, wie viel dem Sportler am Ende des Tages noch zumutbar ist.“

In der Seefeld-Erfurt-Causa warten Beobachter gespannt darauf, wann die große Dopinglawine endgültig losgetreten wird und neue Namen öffentlich gemacht werden. Die 40 in Erfurt sichergestellten Blutbeutel sollten mittlerweile bereits ausgewertet worden sein. Dass man sich bezüglich der „Besitzer“ öffentlich noch bedeckt hält, dürfte ermittlungstechnische Gründe haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2019)