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Russlands Oligarchen sind zurück

(c) EPA (MIKHAIL KLIMENTYEV)
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Die Zahl der Milliardäre hat sich 2009 verdoppelt. Sie profitieren von wieder steigenden Börsenkursen und Rohstoffpreisen. Neue Nummer eins ist der Stahlindustrielle Wladimir Lisin. Auch Deripaska ist über den Berg.

Moskau. Die krisenbedingte Durststrecke für die reichsten Russen war nur von kurzer Dauer. Zwar sind die Tycoons von ihren historischen Höchstständen im Jahr 2008 noch entfernt. Wie aber das russische „Forbes“-Journal in seinem neuen Ranking darlegt, hat sich das Vermögen der Magnaten im Laufe des Vorjahres von 142 Mrd. Dollar auf nun 297 Mrd. Dollar mehr als verdoppelt. Auch die Anzahl der Milliardäre ist von 32auf 62 hochgeschnellt. Vor der Krise hatte man 110 gezählt.

Als neue Nummer eins hat „Forbes“ den Besitzer des Stahlkonzerns Metallurgiekombinat Novolipezk (NLMK), Wladimir Lisin, ausgemacht. Der leidenschaftliche Jäger, dessen Vermögen um ganze 10,6 Mrd. Dollar auf nunmehr 15,8 Mrd. Dollar anwuchs, hat damit den vorjährigen Krisengewinner und 44-jährigen Partylöwen Michail Prochorow auf Platz zwei verwiesen.

Finanzinvestor Prochorow, der 2009 den US-Basketballklub New Jersey Nets gekauft hatte, ist zuletzt auf die Modernisierungswelle aufgesprungen und hat angekündigt, ab 2011 ein Hybridauto für das einfache russische Volk zu produzieren. Ist Prochorows Vermögen aufgrund einer konservativen Anlagepolitik gerade mal um vier Mrd. Dollar auf 13,4 Mrd. Dollar gestiegen, so verdankt sich Lisins Höhenflug der Verdreifachung des Markwertes von NLMK.

 

Lisin widerstand dem Akquisitionswahn

Dazu kommt, dass NLMK, an dem Lisin knapp 85 Prozent hält, als modernster Konzern der Branche gilt und auch als erster wieder das Produktionsvolumen der Vorkrisenzeit erreicht hat. Zudem war Lisin im Unterschied zu vielen Kollegen keinem fremdfinanzierten Akquisitionswahn verfallen. Der gelernte Bergwerksarbeiter gilt als öffentlichkeitsscheu und hält auch Beteiligungen an namhaften russischen Medien.

Ähnlich zu Buche wie die Kursentwicklung der Börse, die sich in Russland binnen eines Jahres etwa verdoppelt hat, schlug der Anstieg der Preise für Stahl, Aluminium und das für Russland entscheidende Öl. Ihnen verdanken nicht nur die beiden Erstgereihten in der „Forbes“-Liste ihren Vermögenszuwachs, sondern auch das Gros der übrigen altbekannten Magnaten auf den Toprängen. Zu ihnen gehört Roman Abramowitsch, der sich als Jachtenfreak und Besitzer des englischen Fußballklubs Chelsea auch im Westen einen Namen gemacht hat. Abramowitsch rangiert auf Platz vier (mit 11,2 Mrd. Dollar).

Oleg Deripaska, vor seinem Absturz Strabag- und Magna-Anteilseigner, landete immerhin wieder auf Platz fünf (10,7 Mrd. Dollar). Deripaskas Schuldenberg hatte zwischendurch 20 Mrd. Dollar überstiegen.

 

Topbeamte hinter den Kulissen

Gerade am Beispiel Deripaskas wurde offensichtlich, dass der Staat die unter Wladimir Putin politisch entmachteten Oligarchen auch in der Krise nicht alleine lässt. Selbst für den Börsengang von Deripaskas Aluminiumkonzern Rusal zu Jahresbeginn griff der Staat tief in die Tasche. Auch daher kommen Vermutungen, dass mancher Tycoon nur als Frontmann mehr oder weniger anonymer Topbeamter oder Gruppen von Staatsdienern fungiert. „Forbes“ zählt etwaige Milliardäre in der Beamtenschaft jedoch nicht. Lediglich elf Abgeordnete des Parlaments und Senatoren haben es namentlich in die Liste der Top 100 geschafft.

Sind die Tycoons weitgehend fein raus, so kommt die russische Wirtschaft insgesamt nur zögerlich vom Fleck. War sie im Vorjahr um acht Prozent eingebrochen, so wird ihr für 2010 das Spektrum von drei bis sieben Prozent Wachstum prognostiziert.

Auch elf Newcomer schafften den Einzug in die neue Liste, darunter sechs aus der Kohlebranche. Abgeschlossen wird die Liste von den weit verzweigt (etwa im Pipelinebau) investierten Brüdern Rotenberg, ihres Zeichens Ex-Judopartner von Premier Wladimir Putin. Russische „Forbes“-Listen werden seit 2004 erstellt, im selben Jahr wurde auch Chefredakteur Pavel Chlebnikov in Moskau erschossen. Der Mord ist unaufgeklärt.

Auf einen Blick

Russlands Superreiche haben die Krise hinter sich gebracht. Zwar liegen ihre Vermögen noch deutlich unter den Höchstständen von 2008, aber die Zahl der Milliardäre hat sich mit 62 seit dem Vorjahr wieder fast verdoppelt. Das ergibt das neue „Forbes“-Ranking. Der neue reichste Russe ist mit knapp 16 Mrd. Dollar Vermögen Wladimir Lisin, Besitzer eines Stahlkonzerns. Er hatte vor der Krise vorsichtiger investiert als andere Oligarchen und sich nicht stark verschuldet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2010)