Wenn ausländische Reporter zu Feinden und „Terroristen“ werden

Christian Wehrschütz wurde die Einreise in die Ukraine verweigert (Archivbild).
Christian Wehrschütz wurde die Einreise in die Ukraine verweigert (Archivbild).(c) Michaela Bruckberger

Leitartikel Von Kriegsparteien und autoritären Staaten ist man es gewöhnt. Doch wie der EU-Kandidat Türkei mittlerweile internationale Medien behindert, ist bizarr.

Mehr als zwei Jahrzehnte lang hat der deutsche Journalist Thomas Seibert aus der Türkei berichtet – in den vergangenen Jahren auch für „Die Presse“. Doch damit ist es jetzt vorbei. Die türkischen Behörden haben sich geweigert, dem renommierten Reporter die Akkreditierung zu verlängern. Offenbar hat sich Seibert mit seinen peniblen, auf den Punkt gebrachten Schilderungen der türkischen Realität bei den Regierenden in Ankara nicht nur Freunde gemacht.

Zugleich ist er das jüngste Opfer eines Spiels, das die türkischen Behörden vor allem seit dem Putschversuch 2016 mit ausländischen Medien treiben: Sie statuieren Exempel an einzelnen Journalisten, in der – falschen – Hoffnung, so eine freundlichere Berichterstattung erzwingen zu können. Nach dem Motto: Wenn wir unsere heimischen Journalisten unter Druck setzen können, schaffen wir das auch irgendwie mit den internationalen.

Dabei gingen sie sogar so weit, den deutschen „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel und den österreichischen Publizisten Max Zirngast vorübergehend wegen angeblicher Terrorvorwürfe ins Gefängnis zu werfen. Der Österreicher Zirngast ist zwar auf freiem Fuß, darf die Türkei aber nach wie vor nicht verlassen.

Mit der Behauptung, man sei ein „Terrorsympathisant“, ist man mittlerweile in der Türkei als Journalist sehr schnell konfrontiert. Es reicht, aus Nordsyrien vom Kampf der Kurden gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) zu berichten. Die kurdischen Kräfte dort sind mit den USA verbündet, gelten aber auch als Schwesterbewegung der PKK, die einen Untergrundkrieg in der Türkei führt.

In der türkischen Justiz verteidigt man dieses Vorgehen mit der Leitlinie: „Wer von Terroristen berichtet, ist selbst ein Terrorist.“ Dieses Argument ist freilich bizarr. Denn über jemanden zu berichten oder jemanden zu interviewen, heißt ja keineswegs, dessen Taten gutzuheißen oder gar dieselben Ziele zu verfolgen. Auch in Israel stationierte Korrespondenten internationaler Medien berichteten immer wieder aus dem von der islamistischen Hamas kontrollierten Gazastreifen. Und dem deutschen Autor Jürgen Todenhöfer gelang es sogar, Ende 2014 ins „Kalifat“ des IS zu reisen und darüber ein Buch zu schreiben. In Haft kam von ihnen dafür aber – natürlich völlig zu Recht – niemand.

Ähnliche Probleme wie die türkische macht die ägyptische Staatsmacht: Dort ist auch internationalen Reportern der Kontakt zu Vertretern der einst regierenden und nun in den Untergrund gedrängten Muslimbruderschaft untersagt.

Einen höchst fragwürdigen Zugang zu Medienfreiheit zeigen auch die Behörden der Ukraine: Sie verweigern dem ORF-Korrespondenten Christian Wehrschütz die Einreise und werfen ihm unter anderem „antiukrainische Propaganda“ vor. Das zeugt nicht nur von einer abwegigen Vorstellung davon, was die Aufgabe von Medien ist, sondern auch von der Einstellung: „Wer nicht hundertprozentig für uns ist, ist gegen uns.“ Eine Geisteshaltung, mit der man überall Feinde und Verräter vermutet.


Berichterstattung aus autoritären Staaten und Krisengebieten war für ausländische Reporter immer höchst schwierig. Schon während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien konnte man rasch bei einer der Parteien zur Persona non grata und mit gravierenden Problemen bei der Ausstellung von Einreisevisa „bestraft“ werden.

In den Krisengebieten von heute ist das nicht anders. Die handelnden Akteure sind sogar noch „unsportlicher“ geworden. In Ländern wie Syrien läuft das Spiel mit der (Nicht-)Erteilung von Einreisevisa genauso. Hat man eine der Kriegsparteien besucht, braucht man sich bei der anderen nicht mehr blicken zu lassen. Damit wird aber genau das verhindert, was guter Krisenjournalismus leisten sollte: von allen Seiten eines komplexen Konfliktes zu berichten.

Die Türkei ist aber nicht das vom Krieg zerrüttete Syrien. Das Land ist – offiziell – nach wie vor EU-Beitrittskandidat. Von diesem Weg hat sich die Regierung in Ankara aber immer weiter entfernt. Jetzt auch immer mehr im Verhalten gegenüber internationalen Medien.

E-Mails an: wieland.schneider@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2019)