Das kleine Wort „denkbar“ wurde für Michael Häupl zum kommunikativen Supergau.
Solche Patzer passieren einem Vollprofi sonst nie. Ausgerechnet Michael Häupl widerfuhr in der vergangenen Woche eine kleine Katastrophe in seiner Kommunikation: bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem engagierten und politisch teils unkonventionellen türkischen Botschafter Kadri Ecvet Tezcan, bei der die Notwendigkeit unterstrichen werden sollte, dass türkische Migranten Deutsch lernen sollen (und ihre eigene Muttersprache ebenfalls).
Bei dieser Aktion zwecks Integration und der Pflicht dazu wurde Häupl beiläufig gefragt, ob er sich denn auch eine türkische Schule in Wien vorstellen könne. Der Bürgermeister antwortete, dass er sich auch ein türkisches Gymnasium in Wien – ähnlich dem französischen Lycée Française hier oder der österreichischen Schule, dem Georgskolleg, in Istanbul – vorstellen könne.
Das reichte schon. Die Austria Presse Agentur berichtete, dass für Häupl türkische Schulen in Wien denkbar sind. Und schon kamen die Angriffe – Wiens VP-Chefin Christine Marek sprach von „Ghettoschulen“, mit denen die Integrationsprobleme der Stadt nicht gelöst werden könnten. FP-Landtagsabgeordneter Johann Gudenus bezeichnete Häupl gar als „Wegbereiter der türkischen Unterwanderung“ Wiens, während die Grünen eine „spaltende Scheindebatte“ im „Vorstoß“ des Bürgermeisters sahen. Einem Vorstoß, der in Wirklichkeit nicht einmal ein Versuchsballon war. Denn derartige Schulformen, so Häupl, könnten nur ein zusätzliches Angebot sein, der muttersprachliche Unterricht für junge Türken im Regelschulwesen wäre weit wichtiger. Zudem würde ein türkisches Gymnasium ohnehin nicht in seinen Kompetenzbereich fallen, da die Stadt Wien nicht für weiterführende Schulen zuständig ist. Noch dazu hätten fremdsprachige Schulen private Träger. Ein reines Orchideenthema eigentlich.
Doch da war es längst zu spät, mit dem Wort „denkbar“ hatte Häupl die Büchse der Pandora geöffnet. Zwar schoss die SP medial noch, leicht orientierungslos, zurück, doch längst war klar, dass die Schlacht so nicht mehr zu gewinnen war. Und so musste der Bürgermeister gestern, Montag, im Landtag zurückrudern – von einer Position, die er nicht wirklich eingenommen hatte. Er habe nie gefordert, dass türkische Schulen errichtet werden. Die Botschaft hinter seiner Aussage sei ja nur gewesen: „Lernt Deutsch!“ Für Häupl müsste die Lehre aus dieser Geschichte tatsächlich sein: „Lerne Kommunikation!“ (Siehe auch S. 12)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2010)