Anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte haben freien Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt. Firmen hilft das im Kampf gegen den Fachkräftemangel.
Das Thema ist an sich nichts Neues: Dass Unternehmen die Fachkräfte ausgehen, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Das zeigt nun einmal mehr eine aktuelle Umfrage des Unternehmensberaters EY: 83 Prozent der österreichischen Mittelständler haben Probleme, Mitarbeiter zu finden. Vier von zehn Unternehmen verlieren deshalb nach eigenen Angaben sogar Umsätze.
Befragt wurden 900 Firmen mit 30 bis 2000 Mitarbeitern.
Interessant ist aber vor allem eine andere Zahl: Schon ein Fünftel der Unternehmen beschäftigt laut der Umfrage Flüchtlinge, also Menschen, denen in Österreich Asyl oder subsidiärer Schutz gewährt wurde. Allerdings wurde von den Befragern der genaue rechtliche Status der Flüchtlinge nicht verifiziert, heißt es von EY zur "Presse". In einer ähnlichen Umfrage vor zwei Jahren gaben erst elf Prozent der Unternehmen an, Flüchtlinge zu beschäftigen. Das ist also eine deutliche Steigerung. Aber auch heute sehen viele der befragten Verantwortlichen noch große Hürden bei der Beschäftigung von Flüchtlingen: Naturgemäß sind es vor allem mangelnde Deutschkenntnisse, die es schwer machen, dass Flüchtlinge in österreichischen Betrieben anheuern – 80 Prozent der Befragten in den Firmen sehen das als Problem.
Anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte haben einen freien Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt. Beim Arbeitsmarktservice waren im Februar 33.058 Asyl- und Schutzberechtigte gemeldet. Davon kamen mit 13.503 die meisten aus Syrien, gefolgt von Afghanen mit 7327. Das AMS hat kürzlich eine Auswertung zur Situation von geflüchteten Menschen auf dem Arbeitsmarkt in Österreich gemacht. Die Experten haben sich zunächst jene Flüchtlinge angesehen, die mit der großen Flüchtlingswelle 2015 nach Österreich gekommen sind. Die Daten betreffen also Asyl- und Schutzberechtigte, die 2015 ihren Aufenthaltsstatus bekommen haben und 2015 bis Mitte 2016 beim AMS registriert waren. Das waren 9500 Menschen. Von ihnen hatten Ende Jänner 35 Prozent eine Arbeit. Von Mitte 2016 bis Ende 2017 haben sich noch einmal 11.600 Flüchtlinge beim AMS registriert. Aus dieser Gruppe hatten Ende Jänner 30 Prozent einen Job.
Erst Arbeit, dann Ausbildung
Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) hat jüngst einen Schwenk in der Arbeitsmarktpolitik angekündigt. Nach Jahren der Fokussierung auf Flüchtlinge solle es beim AMS künftig eine stärkere Ausrichtung auf Langzeitarbeitslose, ältere Menschen, Jugendliche und Frauen geben. Das geht aus den arbeitsmarktpolitischen Zielvorgaben der Ministerin hervor, die sie Ende Februar vorgelegt hat. Außerdem soll das AMS Flüchtlinge rascher in Arbeit bringen. Zum Beispiel in „niederschwellige“ Jobs, für die es eben keine Fach- und Deutschkenntnisse braucht. So sollen Flüchtlinge zum Beispiel als Erntehelfer arbeiten. AMS-Vorstand Johannes Kopf hatte immer wieder betont, es sei gefährlich, Flüchtlinge zu schnell als Hilfsarbeiter einzusetzen. Besser sei es, sie zu qualifizieren, weil dann die Integration nachhaltiger sei.
Wenn Flüchtlinge einen Job finden, sei es klar, dass die Arbeit Vorrang vor einer Ausbildung habe, sagt eine AMS-Sprecherin zur „Presse“: „Vermittlung in eine Beschäftigung geht vor. Qualifizierung ist immer erst der zweite Schritt.“ In Vorarlberg beschäftigen laut der Umfrage von EY schon 44 Prozent der mittelständischen Unternehmen Flüchtlinge, gefolgt von Tirol (22 Prozent), Oberösterreich, Wien und Salzburg.
Abgesehen davon plagen sich Unternehmen in ganz Österreich mit dem Fachkräftemangel. „Es gibt innerhalb Österreichs keine Branche und keinen Ort mehr, der vom Fachkräftemangel verschont bleibt“, sagt Erich Lehner von EY. Besonders stark betroffen ist – nach Angabe der befragten Führungskräfte – die Immobilienbranche und die Industrie. In diesen Branchen tun sich neun von zehn Unternehmen eher oder sehr schwer, genügend qualifizierte Mitarbeiter zu finden.