Die stillen Tage in Cannes

Film ist in Cannes überall, etwa in Form von Wandbildern.
Film ist in Cannes überall, etwa in Form von Wandbildern.Doris Kraus

Abseits von Pailletten und Glamour gibt sich die Filmstadt an der Côte d'Azur überraschend unprätentiös, sportlich und naturnah. Außerdem ist Cannes gerade außerhalb der Hauptsaison durchaus erschwinglich.

Und nicht vergessen: Wir sind nicht in der Bretagne, sondern immer noch in Cannes.“ Karin Osmuk vom örtlichen Fremdenverkehrsbüro grinst und zeigt auf den Süßwassersee, der im strahlenden Sonnenschein selbstvergessen funkelt. Und tatsächlich, das Vogelschutzgebiet auf der Ile Sainte-Marguerite, gerade einmal 20 Bootsminuten von Cannes entfernt, sieht so gar nicht nach Côte-d'Azur-Klischee aus: Keine Spur von Glamour mit hohem Starfaktor, teuren Luxusboutiquen und schnittigen Jachten, wegen derer der Großteil der jährlich zwei Millionen Touristen noch immer in der Filmhauptstadt vorbeischaut. Allerdings meist nur auf Kurzbesuch. Was schade ist, denn Cannes hat einige unbekannte Kehrseiten, die ein paar Tage länger zu erforschen sich durchaus lohnt.

Für den Durchschnittsbesucher ist Cannes ein Abstecher: einmal die Flaniermeile Croisette hinauf und hinunter, ein Kaffee in einem der sieben Fünf-Sterne-Hotels, ein Foto auf dem roten Teppich vor dem Palais des Festivals, wo alljährlich im Mai die Filmfestspiele stattfinden, und schon geht's weiter die azurblaue Küste entlang. „Das andere Cannes bekommen nicht viele zu Gesicht, und, um die Wahrheit zu sagen, es interessiert auch nicht sehr viele“, sagt die deutsche Krimi-Autorin Christiane Dreher alias Christine Cazon. Sie lebt seit neun Jahren in Cannes und hat sich im Zuge der Recherchen für die Fälle „ihres“ Kommissars Léon Duval alle Seiten von Cannes erarbeitet. Auf den Spuren von Kommissar Duval lässt man die Croisette ganz schnell hinter sich, die sich gerade mit einem großen Verschönerungsprogramm auf den sommerlichen Touristenansturm vorbereitet. Der Strand soll von 25 auf 40 Meter verbreitert werden, Fahrradfahrer und Rollschuhläufer bekommen eine eigene Fahrspur.

Zwei Tische pro Terrasse

So viel Platz gibt es in der malerischen Altstadt Le Suquet nicht. Die winzigen Gässchen schrumpfen im Sommer noch mehr, wenn die vielen Restaurants ihre zwergengroßen Terrassen aufbauen, auf denen oft nur zwei Tischchen Platz haben. Die kulinarische Hauptschlagader dieses Viertels ist die Rue Saint-Antoine. Wer tiefer in den Suquet eindringt, wird mit weniger bekannten gastronomischen Highlights belohnt, wie dem hippen und von jungen Gastronomen geführten Tredici in der Rue Louis Perrissol.

Die krönende Erfahrung jedes Besuchs im Suquet ist die Besteigung des Kastell-Turms, von dem man einen 360-Grad-Panoramablick hat. Dabei lernt man gleich mehreres über die Bucht von Cannes: Zum Beispiel, dass sie als Wohngegend sehr beliebt ist und die Franzosen nicht sonderlich zimperlich sind, diese Begehrlichkeiten zu erfüllen. Die Küste selbst und die Hügel von Cannes sind stark verbaut, und zwar durchaus auch mit großen Wohnblöcken, die man dort nicht erwarten würde. „Jeder will eben einen Ausblick“, sagt Christiane Dreher. „Von außen sind die Häuser vielleicht nicht schön, aber wenn man drinnen ist, vergisst man das.“

„Mann mit der eisernen Maske“

Der Turm liefert auch einen Blick auf die Iles des Lérins, für die derzeit das Ansuchen um Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes läuft. Die Ile Sainte-Marguerite und die Ile Saint-Honorat spielen in der Geschichte von Cannes eine große Rolle, wurden doch von dort potenzielle Eroberer als Erstes erspäht. Heute sind die Inseln ein wichtiges Naherholungsgebiet für Cannes, jede auf ihre Weise: Auf Sainte-Marguerite kann man das Fort Royal besuchen, in dessen Gefängnis im 18. Jahrhundert der „Mann mit der eisernen Maske“ elf Jahre lang gefangen saß. Man kann sich aber auch mit einem Picknick an einem der vielen Strände niederlassen.

Der Schatten wird dort von den indigenen Schirmpinien gespendet. Die Palmen, für die Cannes weltweit berühmt ist – unter anderem die in Gold –, wurden hingegen allesamt erst im 19. Jahrhundert angepflanzt, nachdem der Engländer Lord Brougham die Bucht von Cannes auf die Landkarte der viktorianischen Sehnsuchtsorte brachte. Auf der kleineren Ile Saint-Honorat laden die Zisterzienser-Mönche in ihrem Monasterium an jedem ersten Freitag im Monat zur Verkostung ihres selbst angebauten Weins ein. Wem nach Ruhe und Rückzug ist, der kann sich auch für einige Tage oder eine Woche des Schweigens bei den Mönchen einquartieren.

Von Barrakuda bis Muräne

Auf dem Markt von Forville ist Stille hingegen nicht im Angebot. Von Dienstag bis Sonntag gehört er den Bauern aus der Umgebung, am Montag den Antiquitätenhändlern. Wer durch Forville wandert, fängt automatisch an zu sabbern angesichts der saftigen Orangen, des sattgrünen Kohls, der frisch gefangenen Fische und der günstigen Preise. Knapp 35 professionelle Fischer liefern täglich frischen Fisch – von Dorade und Kalmar bis zu Barrakuda und Muräne. Zimperlich darf man in Forville ohnedies nicht sein: Gefüllte Ziegenfüße zählen zu den örtlichen Spezialitäten. Selbst Vegetarier dürften aber nichts gegen eine andere Delikatesse einzuwenden haben: Socca, eine dicke Crêpe aus Kichererbsenmehl.

Kalmare auf dem Markt von Forville
Kalmare auf dem Markt von ForvilleDoris Kraus

Ravioli, salzig und süß

Spätestens in Forville erkennt man, dass Cannes nicht nur Luxustouristen vorbehalten ist. Parallel zur Croisette verläuft die erschwinglichere Einkaufsstraße Rue d'Antibes, dahinter wartet die Rue Meynadier, in der auch die Cannoiser ihre Besorgungen machen: etwa in der Fromagerie Ceneri, einem sensationellen Käsegeschäft, oder bei Aux Bons Raviolis, einem Caterer, der den starken italienischen Einschlag widerspiegelt. Die Ravioli, die es in Cannes auch als süße Variante gibt, sollte man sich definitiv nicht entgehen lassen.

Von der Rue Meynadier ist es nicht weit bis zur „voie rapide“, der Schnellstraße, die Cannes in zwei Teile teilt. Nur knapp zehn Minuten liegen hier zwischen Dior und dem bodenständigen Quartier République. Dem Viertel, in dem alteingesessene und zugewanderte Cannoiser kohabitieren, kam die Hochwasserkatastrophe von 2015 zugute. Das schwer zugerichtete Quartier wurde revitalisiert und aufgewertet. In jeder anderen Stadt würden sich hier Studenten, Hipster und Künstler um die Apartments reißen. Davon gibt es in der 75.000-Einwohner-Stadt ohne Universität allerdings eher wenig. Dafür umso mehr Pensionisten, die sich in Cannes den Traum vom Lebensabend an der Côte d'Azur erfüllen. Die Tatsache, dass Cannes bemerkenswert Graffiti-frei ist, ist allerdings nicht dem hohen Anteil an „Silver Surfern“ geschuldet, sondern den 500 Überwachungskameras, die nachlässige Hundebesitzer und Falschparker im gläsernen Auge behalten.

Solcherlei Informationshappen werden in Cannes seit Kurzem auch von den „Greeters“ angeboten, ortsansässigen Freiwilligen, die Zeit und Ortskenntnis gratis zur Verfügung stellen. Sie zeigen mit Begeisterung „ihr Cannes“ in allen Facetten. Es zahlt sich aus, sich vor der Tour zu erkundigen, welche Sprachen der jeweilige „Greeter“ anbietet. Englisch gibt es immer, Deutsch nicht unbedingt.

Gefüllte Ziegenfüße
Gefüllte Ziegenfüße ebenfalls aus ForvilleDoris Kraus

Um 1,50 Euro mit dem Bus

Um die Verweildauer in Cannes zu verlängern, boomen mittlerweile Aktivitäten wie Touren mit Katamaran, Kajak, Stand-up-Paddling oder E-Bikes, Koch- oder Parfum-Kurse. Viel Zeit lässt sich auch mit Ausflügen entlang der blauen Küste (nach Nizza, Antibes, Juan-les-Pins) oder ins Hinterland verbringen, vom Parfumstädtchen Grasse bis in die Berge des Massif Esterel. Wer nicht mit dem Auto unterwegs sein will, kann sehr günstig, nämlich um 1,50 Euro pro Person und Fahrstrecke, den Bus nehmen. Geöffnet ist Cannes ab sofort. Im Februar etwa wird das Festival anlässlich der Mimosenblüte gefeiert, bei dem man sich auf der 130 Kilometer langen „Mimosenstraße“ zwischen Bormes-les-Mimosas und Grasse die Augen aus dem Kopf schauen kann.

Oder man lässt einfach die imposanten goldgelben Bäume im Stadtwäldchen von Cannes, dem Croix-des-Gardes, auf sich wirken. Will man Cannes von seiner angenehmesten Seite erleben, sollte man allerdings auf die Reisezeit achten. Die Hauptsaison ist nur zu empfehlen, wenn man ein Faible für Strände mit Sardinen-Flair hat. Auch die Zeit des Filmfestivals oder anderer großer Kongresse ist eher ungünstig. In den Zwischenzeiten hingegen findet man nicht nur überraschend günstige Angebote in überraschend schönen Hotels oder in Privatunterkünften, man lernt auch ein Cannes kennen, von dem man lieber mehr als weniger sehen möchte.

Unterwegs in Cannes

Anreise. Von Wien nach Nizza fliegen Wizz Air, Eurowings und Austrian direkt. Nach Cannes gelangt man mit Taxi, Zug (an der Küste entlang) oder Bus.

Wohnen. Gerade außerhalb der Hauptsaison und der großen Kongresse kann man gute Angebote in schönen Hotels finden. Der Standard ist insgesamt hoch, auch Häuser mit zwei Sternen sind mehr als passabel.

Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten. Die Croisette, die Altstadt Le Suquet samt Kastell, Aussichtsturm und feinem Ethno-Museum, der Hafen, die Inseln Ile Sainte-Marguerite und Ile Saint-Honorat, das Naherholungsgebiet Croix-des-Gardes, die Film-Wandbilder in der ganzen Stadt. Auch das Umland lockt mit den Bergen des Massif Esterel oder vielen pittoresken Dörfern wie dem Parfumstädtchen Grasse.

Es gibt ein „Greeter“-Service, das man über das Tourismusbüro buchen kann: tourisme@palaisdesfestivals.com.

Eine breite Palette an Aktivitäten findet man unter www.cannes-destination.fr.

Essen, und zwar gut, ist in Cannes keine Kunst, etwa im traditionsreichen Au Relais des Semailles, 9 Rue Saint-Antoine, rund um den Markt von Forville, im hippen Tredici, 13 Rue Louis Perrissol, oder in einem der Restaurants am Meer wie dem Riviera Beach am Boulevard du Midi. Käse kauft man am besten beim Meister, in der Fromagerie Ceneri, 22 Rue Meynadier. Gibt's auch vakuumverpackt.

Compliance. Die Autorin war auf Einladung des Palais des Festivals et des Congrès sowie des Verlags Kiepenheuer und Witsch in Cannes und übernachtete im Hotel Le Canberra (120 Rue d'Antibes).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2019)