Die Stromnetze in Osteuropa sind überlastet, freie Kapazitäten schlecht verwaltet. Eine gemeinsame Strombörse mit Österreich soll Blackouts verhindern, meint die Weltbank.
Wien. Wenn in Nordeuropa viel Wind weht, bangt halb Europa um seine Stromnetze. Denn seit Deutschland intensiv in die Windkraft investiert hat, stehen die Netze unter Dauerbelastung. Waren die Leitungen früher nur zu maximal zwei Dritteln ausgelastet, so gibt es heute kaum noch freie Kapazitäten. Besonders stark trifft es Polen: Frischt der Wind über Nord- und Ostsee auf, drängen schlagartig enorme Strommengen über die deutsch-polnische Grenze. Immer öfter bleibt Warschau nichts anderes übrig, als sein Netz mit Phasenschiebern kurzerhand dichtzumachen, will das Land größere Störungen vermeiden.
Die Stromleitungen in Mittelosteuropa sind veraltet und unterdimensioniert, bestätigt eine aktuelle Roland-Berger-Studie. Stromausfälle in der Region sind an der Tagesordnung. Die Netzbetreiber stehen vor einem Dilemma: Einerseits sollen sie auf Druck der Regulatoren die Netzgebühren senken, andererseits kann die Notwendigkeit weiterer Investitionen nicht länger geleugnet werden.
Engpässe an die Börse
Diese Unsicherheit trifft auch Österreich, warnt Walter Boltz, Chef der heimischen Energiebehörde E-Control. Fallen die Stromnetze in Tschechien, Ungarn und Polen aus, steht auch die Stromversorgung der Alpenrepublik vor ernsten Problemen. Schuld daran ist nicht nur der mangelhafte Ausbau der Ostnetze, die vorhandenen Kapazitäten würden schlichtweg schlecht verwaltet, betont Boltz gegenüber der „Presse“.
Wer heute Strom von Österreich nach Tschechien verkaufen möchte, muss Strom und Leitungskapazitäten unabhängig voneinander kaufen beziehungsweise ersteigern. Der Verkäufer kann also nie sicher sein, ob für seinen Strom auch tatsächlich ausreichend viele Leitungen frei sein werden. Auf der anderen Seite verfallen Kapazitäten immer wieder ungenutzt.
Als Lösung schlägt der Regulator eine gemeinsame Strombörse für die Region Österreich, Deutschland, Polen, die Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn vor. Untermauert wird der Vorstoß von einer Studie, die im Auftrag von E-Control und Weltbank erstellt wurde.
Demnach sollten alle vorhandenen Strombörsen der Region, etwa in Graz, Leipzig, Warschau oder Prag, ihre Informationen in eine gemeinsame „Oberbörse“ einspeisen. Das brächte gleich mehrere Vorteile, da nicht nur der Strom, sondern vor allem auch die Leitungskapazitäten an der Börse gehandelt werden sollen. Damit sollen die Unsicherheiten für Stromverkäufer schwinden und die Kapazitäten optimal verteilt werden.
Zudem erhofft sich die Weltbank durch die Börse einen effizienteren Einsatz der Kraftwerkparks. Derzeit verschieben die meisten Länder ihre Leitungsengpässe in Richtung Grenze. Als Folge bleiben dort alte Kraftwerke auf der „richtigen“ Seite der Grenze in Betrieb, obwohl modernere Kraftwerke gleich hinter dem Engpass billiger Strom liefern könnten. Solange der Preis rund um diese Flaschenhälse aber eher von Kommunalwahlen als von Angebot und Nachfrage bestimmt wird, hat freilich kaum ein Unternehmen Interesse, zu investieren. Eine Zeitlang könne Europa so weitermachen. „Irgendwann wird es aber eng“, warnt Boltz. Durch die Börse wären rund um die Engpässe höhere Preise möglich, was Investoren anlocken und für eine bessere Ausnutzung des Netzes sorgen soll.
Billiger Oststrom für Österreich
Für heimische Stromkunden brächte die Börse wohl um zwei Euro je Megawattstunde billigere Großhandelspreise (derzeit kostet eine MWh rund 42 Euro), erwartet der Regulator. Gut zu illustrieren ist das am Beispiel Schweiz: Die Eidgenossen hatten ihren Strommarkt lange, so wie Österreich, mit dem deutschen zusammengelegt. Schweizer und Österreicher zahlten etwa gleich viel für Strom. Vor wenigen Jahren hat die Schweiz die Grenzen wieder dicht gemacht. Seitdem liegt der Großhandelspreis westlich von Vorarlberg drei bis fünf Euro über dem heimischen Schnitt.
Wenn der teure österreichische mit dem billigen tschechischen Markt zusammengelegt wird, gibt es aber nicht nur Gewinner, so Boltz. Die Preise in Osteuropa würden anfangs steigen, profitieren würden die Staaten über höhere Investitionen dennoch: Denn am Netzausbau kommen die Versorger ohnedies nicht vorbei. Schon gar nicht in Polen. Bis 2030 sind polnische Windparks mit einer Leistung von 16 Gigawatt geplant. Knapp die Hälfte dessen, was Polens Netz derzeit verträgt.
auf einen blick
■Die Stromnetze in Osteuropa sind veraltet und konstant überlastet. Freie Kapazitäten im Leitungsnetz gehen oft ungenutzt verloren, klagt die E-Control.
■Eine gemeinsame Strombörseder Osteuropäer mit Deutschland und Österreich könnte Abhilfe schaffen, empfiehlt die Weltbank. Neben Strom soll auch Leitungskapazität gehandelt werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2010)