Londons gelebte Moritat: Brexit-Traum im Chaos

(c) Peter Kufner

Wie Großbritanniens Regierung in eine politische Katastrophe steuert, ist seit Wochen täglich in der „Presse“ zu lesen.

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Manchmal steigert sich das Unheil gleich zweimal pro Tag. Am vergangenen Dienstag baute die Zeitung den Aufmacher der ersten Ausgabe spätabends in „Theresa May scheitert neuerlich“ um. „Ihr politisches Kapital hat die Premierministerin längst aufgebraucht“, meldet der Londoner Korrespondent nach Mays Niederlage, und EU-Kommissionspräsident Juncker lässt wissen: „Eine dritte Chance wird es nicht geben“ (13. 3.). Die Berichte erinnern an schaurige Balladen, die im Mittelalter von Bänkelsängern vorgetragen wurden. Besseres als Strophen einer Moritat aus der Londoner Politik haben die Zeitungen leider nicht zu vermelden.

Der Leitartikel „Eine schöne Leich namens Brexit“ ist die frühzeitige und klügste Ankündigung dessen gewesen, was kommen musste (27. 2.). Sie gipfelt in der Frage: „Ist der Brexit eine romantische Inszenierung, bei der es lediglich darum geht, in Schönheit zu sterben?“

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Es gibt abseits von Großbritannien aber doch auch erfreuliche Nachrichten. Wieder einmal kann ich einige Pionierleistungen der „Presse“ vorführen. Ein „Meilenstein in der Krebstherapie“ erzeugt berechtigte Hoffnungen auf Heilung jener, die bereits an Chronischer Lymphatischer Leukämie (CLL) erkrankt sind (23. 2.). Das „Comeback des Goldes“ ist ein dreiseitiger Aufreger für alle, die ihren in Sparbüchern gesammelten Wohlstand dahinschmelzen sehen (9. 2.). Andere Analysen warnen jedoch zu Recht vor politischen Verwirrungen. Wer nicht wahrhaben will, wie gefährlich die Schuldenpolitik vieler Staaten einschließlich der USA ist, dem leuchtet vielleicht rechtzeitig ein Kommentar über das „ökonomische Irresein“ ein (23. 2.).

Zum Weltfrauentag fährt „Die Presse am Sonntag“ mit einem Bukett einschlägiger Themen auf, wobei auf dem Sockel einer Doppelseite zwei Artikel aus der oft weinerlichen Grundstimmung des Frauentags wegtauchen. „Eine Frau zu sein hatte für mich Vorteile“ (3. 3.)

Hat die britische Premierministerin May auch Vorteile? Noch geht ihre taktische Sturheit nicht so weit, dass sie mit Füßen tritt, auch wenn „Die Presse“ solches irrtümlich schreibt: „Sie sollte deshalb möglichst bald aus freien Stücken den Vorsitz in Partei und Regierung zurücktreten“ (17. 1.).

„Magna: Umsatz gestiegen“, berichtet die Zeitung. Im steirischen Magna-Werk sei der Umsatz mit dort gebauten Komplettfahrzeugen gleich um 35 Prozent gewachsen (23. 2.). Hätte der „Economist“ nicht wenigstens eine einzige Autotype nennen können, die dort zusammengebaut wird? Ich hole das Versäumnis aus der APA nach: „Dieser Anstieg ist primär der Einführung des Jaguar I-Pace zu verdanken – der im ersten Quartal 2018 in Produktion ging – sowie auf höhere Mengen beim Jaguar E-Pace (seit drittem Quartal 2017 in Fertigung) und mehr Stück für Mercedes-Benz bei zugleich weniger beim BMW-5er.“

In Papua Neuguinea seien 284 Luxusautos von jenen 300 verschwunden, die für Staatsgäste angeschafft worden waren. „Laut Polizei seien 284 verschollen? Immerhin seien jene 40 Maseratis vom Typ Quattroporte, die man für den Apec-Gipfel beschafft hatte, noch vorhanden.“ (14. 2.) Bitte nachrechnen: Wie viele Luxusautos waren insgesamt vorhanden?

Den Zeitungen wirft man gern und pauschal einen Hang zu Ungenauigkeit vor. Vielleicht ist das der Grund, warum die Journalisten immer öfter die Formel „wie genau“ verwenden, als wollten sie sich hinter ihr verbergen: „Wie genau funktioniert eine Stammzellentransplantation?“ (6. 3.) In der Republik Moldau haben die Demokraten Stimmen von anderen Fraktionen abgeworben – „wie genau bleibt ihr Geheimnis“ (26. 2.). „Wie genau funktioniert der Sicherheitscheck?“ (13. 2.). Wann fragen die Redakteure einmal: Wie ungenau?

 

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Im Wiener Volkstheater spielt in Grillparzers „König Ottokar“ der Schauspieler Peter Fasching die Rolle des „gestählten Grashüpfers Zawisch“, eines „spillrigen Intellektuellen, der von der Sexbombe träumt“. (10. 1.) Aber was heißt spillrig? Der „Duden“ bezeichnet spillrig und auch spillerig als „besonders Norddeutsch“ und übersetzt das Wort mit „dürr, schmächtig“. Wie sollten wir ohne Wörterbuch draufkommen?

Arbeitnehmer, die bis 14 Uhr arbeiten müssten, seien am Karfreitag benachteiligt. „Sie könnten laut den Juristen erfolgreich darauf klagen, dass auch sie den ganzen Tag freibekommen zu haben.“ (20. 2.). Wenn Juristen ein Anliegen zu einem Recht erheben, kommt es auf die Wortstellung an. Meinem nichtjuristischen Gefühl nach müssten Arbeitnehmer klagen, dass sie den ganzen Tag freizubekommen haben.

Im Vorspann nach dem Titel „Protestanten: Eine Kirche im Umbruch“ liest man: „Die jüngste Synode hat dies gezeigt – eine Ehe für alle wird es zwar nicht geben, aber dafür ein Segnungsgottesdienst für alle“ (10. 3.). Es wird einenSegnungsgottesdienst oderSegnungsgottesdienste geben.

„Wir haben nicht und wir werden nicht um Erlaubnis fragen, um verschiedene Raketentypen zu entwickeln.“ (12. 2.) Wer immer Irans Präsidenten, Hassan Rohani, ins Deutsche übersetzt hat, lässt erkennen, dass einer von beiden nicht Deutsch kann. Denn „Wir haben nicht um Erlaubnis fragen“ ist kein deutscher Satz.

Wohl bekomms. „Irgendwie dürften Speisen in hohen Schalen gesünder und schicker wirken als in gewöhnlichen Suppenteller.“ (10. 2.) Wie in Schalen so verlangt die Frage „Wo?“ den dritten Fall auch in Suppentellern.

„Und die 148 Peitschenhiebe habe sie vor allem aufgefasst, weil sie zu einer Anhörung ohne Kopftuch erschienen sei“ (14. 3.). Ja, so etwas gehört zum Alltag im Iran. Nasrin Sotoudeh, eine bekannte Menschenrechtsanwältin, wird die Peitschenhiebe wohl ausgefasst haben.* * *
Kürzlich war Opernball. „Die Presse“ berichtet noch in der Nacht auf voller Druckseite hinreißend und nahezu zärtlich über die aus Kaisers Zeiten flutende Wiener Ballkultur „Küssen, nicht schlafen, beim Kaiser abheben“ (1. 3.). Gebannt hält sie dort, wo alles so „spielerisch leicht“ wirkt und dennoch „riskant“ ist. Ich male mir aus, wie der unauffällig in der Ecke einer 150 Jahre alten Opernloge kauernde Journalist die beste Opernballreportage schreibt, die „Die Presse“ je hatte, doch stockt ihm der Atem. „Es war genau die Stelle, an der zwölf Debütanten in der Mitte des Parketts eine Premiere feierten – eine Hebefigur. Die jungen Männer umschlungen die Hüften ihrer Partnerinnen, hoben sie hoch und machten einige Drehungen.“ Selbst die Grammatik wird schwindlig und übersieht, dass das Imperfekt des starken Verbs umschlingen „umschlang“ heißt. Also umschlangen die Männer die Hüften, und wenn doch anders, dann erst, wenn alles vorbei war und sich die Aufregung in der Vergangenheit aufgelöst hat. Im Zeitabstand des Perfekts wird den jungen Männern recht getan: Sie haben umschlungen.

DER AUTOR

Dr. Engelbert Washietl ist freier Journalist, Mitbegründer und Sprecher der „Initiative Qualität im Journalismus“ (IQ). Die Spiegelschrift erscheint ohne Einflussnahme der Redaktion in ausschließlicher Verantwortung des Autors. Er ist für Hinweise dankbar unter:

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