Wer die größte Nase sucht

Düstere Slapstick-Szenen: Jiří Weils Roman aus dem besetzten Prag der Jahre 1942/1943.

Die beiden Magistratsarbeiter Antonín Becvár und Josef Stankovský wissen nicht, wer Felix Mendelssohn Bartholdy ist. Ihr Chef, SS-Anwärter Schlesinger, schreit: „Geht noch einmal an den Statuen entlang und guckt euch genau die Nasen an. Wer die größte Nase hat, ist der Jude.“ Es könne nicht sein, dass auf dem soeben zum „Haus der Deutschen Kunst“ geweihten Prager Rudolfinum ein Jude throne. Die beiden Schwejks legen den Strick partout der Komponistenstatue mit der größten Nase, dem „mit dem Barrett“, also Richard Wagner, um den Hals. Das ist die amüsanteste in Jiří Weils an düsteren Slapstick-Szenen reichem Roman „Mendelssohn auf dem Dach“. Bei den 22 Kapiteln des Buches handelt es sich um bilderbogenartig verkettete Episoden aus dem besetzten Prag der Jahre 1942/43 – bevölkert von einer Handvoll Figuren: Tschechen, Deutschen, Juden, SS-Bütteln und Gestapo-Schergen sowie diversen Zivilisten, die auf unterschiedliche Weise mit den Nazis kollaborieren. Kurz: eine literarische Versuchsanordnung im Ausnahmezustand.