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USA: Das ungeschriebene Gesetz der Political Correctness

Die Sittenhüter haben im Kampf gegen die Diskriminierung die Sprache von Schandflecken gesäubert, aber auch ärmer gemacht.

Washington. Das rote Lämpchen über der Flugzeugtoilette auf dem United-Airlines-Flug von Washington nach Denver leuchtete verdächtig lange auf. Seit der „Unterhosenbomber“, Umar Faruk Abdulmutallab, zu Weihnachten auf dem Anflug auf Detroit vor seinem missglückten Attentatsversuch umständlich am Klo herumhantierte, ist das Misstrauen geweckt. Seither haben die US-Sicherheitsbehörden ihre Anstrengungen in jeder Hinsicht verstärkt.

Also klopften Air Marshals an die Tür und nahmen den Delinquenten in Verwahrung. Der Passagier, ein Diplomat aus dem Golf-Emirat Katar, hat sich gleich zweier Vergehen schuldig gemacht. Er hat auf dem Klo geraucht – und er hat, offenbar entnervt von dem Sicherheitsprozedere auf dem Boden und an Bord, einen sarkastischen Witz gerissen. „Ich zünde meine Schuhe an“, entgegnete er auf Fragen, was er da treibe. Umgehend stiegen zwei F-16-Kampfjets auf und eskortierten die Maschine an ihren Zielort am Fuße der Rocky Mountains.

 

Ironie unter Generalverdacht

Ironie und galliger Sarkasmus stehen bei den Sicherheitskontrollen auf US-Flughäfen unter Generalverdacht. Eine zynische Bemerkung genügt – und schon wird der Urheber unsanft in einen Nebenraum transportiert und eingehend ins Verhör genommen. In Zeiten des Terroralarms ist die Spottlust zum Tabu geworden. Sie steht auf dem Index der Schutzapostel der Sicherheit.

Die Sprache darf in den USA längst nicht mehr alles – und das in einem Land, das sich so viel auf seine, in der Verfassung an prominenter Stelle verankerte Rede-, Religions- und Meinungsfreiheit zugutehält. Das ungeschriebene Gesetz der Political Correctness hat in den vergangenen Jahrzehnten, ausgehend von den Universitäten und Meinungsseiten der Zeitungen, die Sprache vor diskriminierenden Begriffen gesäubert – zuweilen aber auch ärmer und steriler gemacht und dem Euphemismus Vorschub geleistet.

 

Revolte gegen weiße Männer

Seit den 1980er-Jahren, der Revolte gegen die Domäne der „alten, weißen Männer“ der Philosophie und der Geisteswissenschaften auf dem Campus von Berkeley und Harvard, befinden sich die Verfechter der politischen Korrektheit auf dem Siegeszug. Die liberale Linke bestimmt den Diskurs – und die Rechte läuft in kulturkämpferischer Manier dagegen an und versucht, die „Progressiven“ verbal mit Füßen zu treten und abwertend ins Lächerliche zu ziehen. Der Talkshow-Moderator Glenn Beck, ein Liebling der radikalen Tea-Party-Bewegung, hat das progressive Ideengut überhaupt gleich auf die Stufe von Faschismus und Stalinismus gehoben.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich der Fortschritt überall eingeschlichen. Minderheiten aller Art wurden von ihrem Nimbus befreit – von den Frauen bis zu den Homosexuellen. Der geistig Behinderte mutierte zum „mentally challenged“, zum geistig Herausgeforderten. Der Indianer wurde zum „native American“, zum Ureinwohner. Und die „French Fries“, die Pommes frites, wurden im Zuge des französischen Widerstands gegen den Irak-Krieg in einem patriotischen Willkürakt kurzerhand zu „Freedom Fries“ umgetauft.

Den größten linguistischen Wandel machte aber der „Terminus“ Neger durch, dessen Ableitung „Nigger“ als Schimpfwort die Sklaven auf den Baumwollplantagen der Südstaaten und ihre Nachfahren brandmarkte. Negro – Black People – Coloured – African-American: So lautete die in mehreren Phasen vollzogene Kategorisierung. Ein Erfolg, den sich die Bürgerrechtsbewegung auf ihre Fahnen schreibt.

 

Verächtlichmachung

Doch wo das Pendel auf der einen Seite ausschlägt, bleibt auch die Gegenbewegung nicht aus. Der demokratische Abgeordnete John Lewis, ein Bürgerrechtsveteran, traute seinen Ohren nicht, als ihn die Gegner der Gesundheitsreform bei der Abstimmung jüngst vor dem Kapitol wie bei einem Spießrutenlauf mit rassistischen Untertönen und „Nigger“-Rufen empfingen. Es traf ihn wie Peitschenschläge. „Das habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört“, empörte er sich. Und der offen homosexuelle Parlamentarier Barney Frank musste sich „Schwuchtel“ heißen lassen.

Die Verächtlichmachung als Stilmittel: Weil viele Republikaner den Klimawandel für Humbug halten, hat ein Senator mit seinen Enkeln auf dem Kapitol ein Iglu gebaut, als im Februar ein Schneesturm über Washington zog. Sie malten ein Schild darauf: „Hier wohnt Al Gore.“

 

 

 

AUF EINEN BLICK

Political Correctness.
In den 1980er-Jahren hat sich an US-Universitäten eine Bewegung formiert, die sich gegen die Lehrdoktrin der „alten, weißen Männer“ auflehnte. Die politische Korrektheit griff bald auf die Gesellschaft über. Diskriminierende Begriffe wurden aus dem Sprachgebrauch verbannt. Der Schwarze mutierte zum Afroamerikaner, statt „Merry Christmas“ heißt es jetzt überall „Happy Holidays“. In dem Kulturkampf haben die Liberalen die Oberhand gewonnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2010)