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Pop

Dylan junior: Bis an den Abgrund

Dylan junior Abgrund
(c) AP (Jeff Christensen)
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Jakob Dylan zeichnet auf „Women + Country“ amerikanische Seelenlandschaften. Vater Bob kann zum ersten Mal richtig stolz auf ihn sein.

Mit dem Haus Dylan pflegt der texanische Gitarrist und Sänger T Bone Burnett seit 1975 Kontakt. Mit Vater Bob formte er die Rolling Thunder Revue, die ausgestattet mit viel Schminke und Theaterblut die dramatischen Songs des damals aktuellen Albums „Desire“ in die entlegensten Winkel der USA brachte. Der 1969 geborene Jakob Luke Dylan, jüngster Sohn von Bob und Sara, packte damals erstmals seine Schultasche. Einige Jahre später war auch er erfolgreicher Musiker und damit fällig für eine Zusammenarbeit mit T Bone Burnett. Es entstand „Bringing Down the Horse“, das zweite Album der Wallflowers, mit dem Jakob seinen (Über-)Vater Bob kommerziell übertraf: Über vier Millionen verkaufte er davon. Der Alte schaffte mit seinem größten Seller „Blood on the Tracks“ nur zwei Millionen.

Das Vater-Sohn-Verhältnis blieb kompliziert. Wollte man es sich in Interviews mit Jakob nicht gleich verderben, dann durfte der Name des Vaters nicht genannt werden. Lieber plauderte Jakob D. darüber, wie sehr ihn Joe Strummer und Bruce Springsteen geprägt hätten. Ein bisserl wie Springsteen auf „Nebraska“ hört er sich auch auf seinem prächtigen zweiten Soloalbum „Women + Country“ an. Betreut wurde das funkelnde, bisweilen ein wenig unheimlich tönende Kleinod vom (heuer schon mit einem Oscar und einem Golden Globe ausgezeichneten) T Bone Burnett. Dylan gefiel dessen Arbeit auf „Raising Sand“ von Robert Plant und Alison Krauss: Diese düstere Eleganz und Vielschichtigkeit wünschte er sich, zumal nach seinem klanglich spartanischen ersten Soloalbum „Seeing Things“ (2008).

Zu Beginn der Aufnahmen hatte Dylan nur den ein wenig gar optimistischen Song „Nothing But the Whole Wide World“ fertig. Als Burnett seine Mannschaftsaufstellung bekannt gab, mit Granden wie Drummer Jay Bellerose, Gitarrist Marc Ribot, den Sängerinnen Neko Case und Kelly Hogan sowie Geiger David Mansfield (auch schon auf Bob Dylans „Street Legal“ aktiv), wusste Dylan junior, dass er sich anstrengen musste. Diese Musiker sind Veteranen einer gegen den Strich gespielten, oft abgründig gedeuteten amerikanischen Rootsmusik. Sie haben alte Helden von Mose Allison über Solomon Burke bis Ramblin' Jack Elliott begleitet. Dieser Background hat Jakob Dylan offensichtlich angespornt. Die weiteren zehn Songs, die er für „Women + Country“ schrieb, sind schlicht großartig. Ständig auf der Suche nach einem effektvollen Showdown driftet Jakob Dylan in cinematografischer Manier durch Flüsse aus Tränen und verschattete Wüstenlandschaften.

 

Der abwesende Gott

Am Ende stehen stets Individuen, die auch in der Niederlage Charakter zeigen: „But we don't bow, we make no deals, if we go down, we go down on our own shield“, heißt es im nachdenklichen „Down on Your Own Shield“. Der herrlich torkelnde Groove des mit spitzen New-Orleans-Jazz-Bläsersätzen auffrisierten „Lend a Hand“ macht den in den Schluchten des Kapitalismus verlorenen Gemeinschaftsgeist der Pioniere wieder lebendig: „Roll your sleeves up, shovel the land, rise up and learn how to stand!“

Eine Hohelied auf die menschliche Tatkraft ist auch „We Don't Live Here Anymore“. Von einer düsteren Trommel, einem stoischen Banjo und einer melancholischen Geige begleitet, wird die Stimme Dylans erstaunlich drängend: „Been working hard to the bone, face down, nose to the grindstone. If god is working, I wish he'd say so, maybe he don't live here anymore.“

Auch in „Everybody's Hurting“ denkt Dylan Gott als Abwesenden: „Been walking the dirt floor, my eyes are open Lord, where did you go, have we just left you bored?“ Doch das milde Temperament des jungen Dylan versöhnt selbst mit apokalyptischen Szenarien wie in „Yonder Come the Blues“. Seine starken Melodien, die mit sanft geschwungenen Mollbögen imponieren, führen wie all die guten Hollywoodfilme immer nur an den Rand des Abgrunds. Das Ende ist beredt ausgespart. Das darf sich der Hörer dieses schönen Westernohrenkinos selbst ausmalen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2010)