Neues Gutachten zu Heumarkt: Mit Hochhaus kein Welterbe-Status

Die Neugestaltung des Heumarkt-Areals zwischen dem Hotel Intercontinental (l.) und dem Konzerthaus (r.) beschäftigt die Stadt seit Jahren.
Die Neugestaltung des Heumarkt-Areals zwischen dem Hotel Intercontinental (l.) und dem Konzerthaus (r.) beschäftigt die Stadt seit Jahren.Alex Halada / picturedesk.com

Dem internationalen Denkmalrat Icomos zufolge sind das Hochhaus am Heumarkt und der Weltkulturerbe-Status nicht kompatibel. Der 66 Meter hohe Wohnturm werde das Stadtbild "zerstören".

Sie hat sich Zeit gelassen, die sogenannte Monitoring-Mission des internationalen Denkmalrats Icomos. Umso deutlicher fällt nun das Fazit in ihrem Report aus, das am Samstag veröffentlicht wurde und der "Presse" vorliegt.

Das geplante Hochhausprojekt am Wiener Heumarkt würde das für den Unesco-Weltkulturerbe-Status essenzielle Stadtbild „zerstören“, heißt es darin. Und dazu führen, dass das Areal seine „historische Authentizität“ und „kulturelle Bedeutung“ verliert. Sollte das Projekt also tatsächlich realisiert werden, wäre der Weltkulturerbe-Status „unhaltbar“. Empfohlen wird daher, die Planungen für zwei Jahre auszusetzen und mit dem Entwickler Alternativen zu erarbeiten, die mit dem Weltkulturerbe-Status vereinbar sind. Somit bleibt die Wiener Innenstadt für mindestens zwei weitere Jahre auf der Roten Liste des gefährdeten Weltkulturerbes. 

Konflikt um 66 Meter hohen Wohnturm

Grund dafür ist das im Zuge der Neugestaltung des Areals zwischen dem Hotel Intercontinental und dem Konzerthaus geplante Hochhaus, in dem Luxuswohnungen entstehen sollen – das Hotel selbst wird abgerissen und neu gebaut, das Areal des Eislaufvereins soll nach vorn geöffnet werden, vorgesehen ist zudem die Errichtung einer ganzjährig nutzbaren Halle. Nach Ansicht der Unesco beeinträchtigt der 66 Meter hohe Wohnturm jedenfalls das Innenstadtensemble maßgeblich. Weswegen man den Icomos-Report als Entscheidungshilfe abwarten wollte – „um jede Chance zu nutzen, die zu einem positiven Ergebnis und somit zu einem Verbleib Wiens auf der Welterberbeliste führt“, wie Gabriele Eschig, Generalsekretärin der Österreichischen Unesco-Kommission, vergangenes Jahr meinte.

Im November 2018 kam schließlich Icomos-Präsident Toshiyuki Kono nach Wien, um sich der Frage nach der Zukunft des Welterbe-Prädikats für die Innenstadt zu widmen. Er traf unter anderem Mitarbeiter der Stadt, Vertreter des Investors und auch Mitglieder von Bürgerinitiativen. Die eingesetzte Monitoring-Mission sei dazu gedacht, einen Überblick über die Situation zu erhalten und die künftige Entwicklung zu beurteilen – die in dem gestern veröffentlichten Report „negativ“ bewertet wird. Bei einem solchen Fazit von Icomos kündigte Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) im Vorfeld an, eine Weisung zur Wahrung des Prädikats Weltkulturerbe für das Stadtzentrum erteilen zu wollen, sollte es rechtlich dazu eine Möglichkeit geben.

Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) hingegen äußerte sich stets zurückhaltend – er wolle das Gutachten abwarten und danach „gemeinsam eine positive Entwicklung einleiten“.

Die Unesco hatte der Republik, die formal der Ansprechpartner ist, wegen der Auswirkungen des 66 Meter hohen Wohnturms (der ursprünglich sogar 73 Meter hoch sein sollte) beim Hotel Intercontinental auf das Stadtbild der City die Rute ins Fenster gestellt – und das Land aufgefordert, Lösungsvorschläge zu präsentieren. Andernfalls drohe die endgültige Aberkennung des Prädikats.

Wien hatte sich beworben

Wien verfügt mit dem Schloss und den Gärten von Schönbrunn sowie mit dem historischen Zentrum über zwei ausgewiesene Welterbestätten – wobei die Innenstadt auf Antrag der Stadt 2001 Aufnahme fand. Das betonte auch Icomos-Präsident Kono bei seinem Wien-Besuch. Und die außergewöhnliche, historische Stadtsilhouette habe man bei der Bewerbung eigens hervorgehoben. Somit sei man vertraglich verpflichtet, diese zu erhalten.

Auch die Österreichische Icomos-Chefin Caroline Jäger-Klein meldete sich zu Wort und sagte, dass es nicht darum gehe, die Weiterentwicklung einer Stadt zu verhindern. Diese solle kein Museum werden. Es gehe vielmehr insgesamt um den Umgang mit dem historischen Erbe.

Die Causa Heumarkt beschäftigt die Stadt Wien schon seit vielen Jahren – der Startschuss für die Neugestaltung des Areals erfolge schon 2012. Später verzögerte sich der Baubeginn mehrfach – dem Projektbetreiber Wertinvest zufolge ist der Start nun für das Jahr 2021 geplant.

Gericht entscheidet am Montag

Und auch dieser Termin wackelt, denn aktuell beschäftigt die Verantwortlichen des Projekts die Frage, ob eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) notwendig ist. Am Montag entscheidet das Bundesverwaltungsgericht (BVwG) darüber.

Der Termin wurde anberaumt, nachdem die Gegner des Bauvorhabens Beschwerde gegen den Bescheid der Wiener Landesregierung eingebracht hatten, auf eine UVP zu verzichten. Sollte das Gericht in der Verhandlung zu dem Schluss kommen, dass es eine UVP braucht, dürfte sich das Projekt erneut um Jahre verzögern. Denn bei einem solchen Entscheid könnte man das Ergebnis abwarten oder dagegen vor dem Verwaltungs- und dem Verfassungsgerichtshof vorgehen, wovon auszugehen ist.

Den Wiener Grünen hat die Causa Heumarkt sogar eine veritable Krise beschert. Nach parteiinterner Kritik an dem Hochhaus gab die zuständige Stadträtin Maria Vassilakou überraschend bekannt, dass es eine Urabstimmung unter allen Parteimitgliedern geben wird. Diese ergab ein knappes Nein zum Projekt.

Die grüne Führung folgte diesem Votum aber nicht, sondern gab als Exitstrategie die Abstimmung über das Projekt für ihre Mandatare frei. Obwohl drei grüne Abgeordnete nicht dafür stimmten, fand die Flächenwidmung trotzdem eine rot-grüne Mehrheit – was in weiterer Folge den Anfang vom Ende Vassilakous bedeutete.

In Kürze

Report. Der internationale Denkmalrat Icomos kommt zu dem Schluss, dass der Heumarkt durch den 66 Meter hohen Wohnturm seine „historische Authentizität“ und „kulturelle Bedeutung“ verliert. Der Weltkulturerbe-Status sei daher „unhaltbar“.
Gericht. Am Montag entscheidet das Bundesverwaltungsgericht darüber, ob beim Projekt Heumarkt eine Umweltverträglich-keitsprüfung notwendig ist. Sollte das der Fall sein, würde das eine weitere Verzögerung für die Neugestaltung bedeuten.

 


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