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Landestheater NÖ

Elfi, Elfriede - und der Präsident

Muppet-Revival mit Elfriede Jelinek als Puppe (links hinten): „Am Königsweg“ im Landestheater Niederösterreich in St. Pölten in der Regie von Puppenmeister Nikolaus Habjan.
Muppet-Revival mit Elfriede Jelinek als Puppe (links hinten): „Am Königsweg“ im Landestheater Niederösterreich in St. Pölten in der Regie von Puppenmeister Nikolaus Habjan.

Kritik Nikolaus Habjan inszeniert „Am Königsweg“. Der Aufwand ist enorm. Jelineks Selbstbespiegelung überzeugt mehr als ihre Politikfarce. Toll ist das Ensemble.

Rabäh! So schrie das Baby einst in Comics. Rabäh! Brüllt auch das goldene Baby mit dem Trump-Kopf, das seit Samstagabend im Landestheater Niederösterreich in St. Pölten – was für eine Namenswurst – sein Unwesen treibt. Nikolaus Habjan hat Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ inszeniert. Das Baby steht für ein gefräßiges, fortwährend Aufmerksamkeit forderndes, nichts zurückgebendes Monster.

Auch das sind ja die Babys. Nur schauen sie halt so herzig aus und werden von ihren Eltern geliebt, die über alles hinwegsehen. Bei einem US-Präsidenten wirkt so ein Kindchenschema unerfreulich. Man sieht, Elfriede Jelinek hat sich bei ihrer neuesten Politikfarce viel überlegt, auch Psychologisches. Habjan hat das Gebilde grell und krass ausgemalt, doch fehlt ihm Jelineks Humor.

Dafür spricht die Nobelpreisträgerin Teile ihres Textes vom Band, denn Habjan hat sich ein bisschen mit ihr angefreundet, was bei der Menschenscheu der Schriftstellerin gar nicht so leicht ist. Wenn Jelinek ihre eigenen Gedanken vorträgt, wirkt das berührend, sie fürchtet das Alter, „ich gehe ja auf den 80er zu“, sagt die 72-Jährige, die schwere psychische Krisen durchlitten hat.

Wer ihr zuhört, könnte zum Beispiel eine hochgewachsene Pianistin imaginieren, die würdevoll im Musikverein an einem Bösendorfer-Flügel Platz nimmt. Die kultivierte Stimme einer Wiener Dame (© Roland Koberg) ist hier zu vernehmen, die aus Worten Kammermusik zaubert. Jelinek beschwört die kleine Elfi herauf, die sich immer abgewertet gefühlt hat und sich selbst abwertet, ein Erbe der Klosterschule, die Mädchen auf dauerhaften Sündentrip schickt. Aber auch die große Elfriede kommt zu Wort, sie dekonstruiert die Männerwelt und legt ihre Mechanismen bloß.

Die Jelinek-Puppen sind das Großartigste an dieser Aufführung. Einer der Masken, der Seherin, werden zu Beginn beide Augen ausgestochen, die Blendung. Gegen Ende sind drei Jelinek-Puppen auf der Bühne, eine junge, eine mittlere und die alte. Und auch die Figur der Miss Piggy hat etwas von Jelinek, die sich hier der Form der „Muppet Show“ bedient hat, um ihren Zorn auf den Rechtsruck in der Politik zu formulieren.

 

Das Publikum war hellauf begeistert

In diesem Zorn schwingt Resignation mit. Jelinek-Texte scheinen endgültig dem Bildertheater überantwortet zu sein. Früher gab es noch manchmal strenge Wortopern. Heute wird illustriert, überillustriert.

Die Stücke bekommen so etwas Karnevaleskes. Immerhin, Habjan ist ein Meister seines Handwerks, wie er Jelineks Wortkunst in ein Grand-Guignol-Spiel verwandelt hat, das ist teilweise atemberaubend. Und es ist mehr als Puppentheater, was hier geboten wird. Der Text ist perfekt einstudiert. Tilman Rose hat sich das Idiom des US-Präsidenten anverwandelt. Obwohl dieser Englisch und Rose Deutsch spricht, glaubt man Trump mit seinem heiser-schnarrenden Ton vor sich zu sehen. Doch sieht man ihn zu oft. Mit Shakespeare-Königen soll die Figur zu tun haben, liest man im Programm, aber dieser Knilch wirkt zu läppisch. In dieser Figur, eigentlich sind es zwei, steckt zu viel Absicht: Seht her, was für ein mieser Kerl! Der echte Trump hat auch Charisma, doch wirkt er nicht auf Intellektuelle. Insgesamt: Das Landestheater zeigt mit dieser österreichischen Erstaufführung Flagge. Intendantin Marie Rötzer hat sich etwas getraut. Das Publikum applaudierte hellauf begeistert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2019)