VW-Papier zur E-Mobilität bringt Konkurrenz in Wallung

PEROUTKA Guenther / WB

Um E-Mobilität durchzusetzen, müssen sich aus VW-Sicht Geringverdiener und kleine Gewerbetreibende Elektroautos leisten können, sprich: kleine Autos sollten bevorzugt gefördert werden. Das passt der Konkurrenz gar nicht.

Nach teils heftiger Kritik am Vorstoß von Volkswagen-Chef Herbert Diess für mehr Förderung der Elektromobilität suchen die deutschen Autobauer eine gemeinsame Linie. Insidern zufolge ist für Mittwoch eine Telefonkonferenz mit dem Branchenverband VDA geplant, um die Wogen zu glätten. Es gehe darum, eine einheitliche Position zu finden, um mit einer Stimme gegenüber der Politik sprechen zu können.

Dazu habe es bereits erste Vorgespräche gegeben. Ein Treffen der Autobosse dazu sei nicht geplant. Der Verband der Automobilindustrie wollte die Telefonrunde weder bestätigen noch dementieren. Geschlossenheit müsse das oberste Ziel sein, sagte ein VDA-Sprecher. Daimler, BMW und VW äußerten sich nicht.

Volkswagen hatte die Rivalen mit der Forderung gegen sich aufgebracht, alles für den Durchbruch der Elektromobilität zu tun und die Förderung entsprechend auszurichten. In einem Strategiepapier, das Reuters am Dienstag vorlag, spricht sich VW unter anderem dafür aus, günstige E-Fahrzeuge besonders stark zu bezuschussen. "Alle gegenwärtigen finanziellen Fördermaßnahmen, die Ausbaupläne für Ladeinfrastruktur und die existierenden Rahmenbedingungen reichen nicht aus." Es bestehe die Gefahr, dass die Regulierung nicht ausreiche, um die EU-Ziele zur Reduzierung des Klimagases CO2 zu erreichen.

Um E-Mobilität durchzusetzen, müssen sich aus VW-Sicht Geringverdiener und kleine Gewerbetreibende Elektroautos leisten können. Denn die von ihnen bisher bevorzugten Kleinwagen mit Verbrennungsmotor seien wegen der schärferen Abgasvorschriften in Zukunft überproportional von Preiserhöhungen betroffen. In dem Strategie-Papier wird deswegen ein "Mobilitätsfonds Elektromobilität" von Bund, Herstellern und Stromkonzernen vorgeschlagen, der für Fahrzeuge unter 20.000 Euro kostenlosen Ladestrom finanziert. Alternativ könnten Fahrzeuge unterhalb einer Länge von vier Metern besonders gefördert werden. VW will in einigen Jahren einen batteriegetriebenen Wagen auf den Markt bringen, der weniger als 20.000 Euro kosten soll.

 

"Extrawurst für VW"

Mit dem Vorschlag einer nach Fahrzeuglängen abgestuften Kaufprämie brachte VW die Oberklassehersteller besonders gegen sich auf. Bei BMW hieß es, das sei vor allem ein auf Volkswagen zugeschnittenes Förderkonzept. Der Elektrowagen von BMW i3 etwa sei einen Tick länger als vier Meter, während der Mini in dieses Fördermaß passe. "Das ist eine Extrawurst für VW", kritisierte ein Insider. "Bei dem Hintergrund des Unternehmens in den vergangenen Jahren ist das schon überraschend." Damit spielte die Person auch auf den von VW verursachten Dieselskandal an, unter dessen Folgen die Branche seither zu leiden hat.

Bei der Kritik dürfte auch eine Rolle spielen, dass VW die Steuervorteile für den Diesel verringern will, was BMW und Daimler treffen würde. Auch mehrere Zulieferer fühlen sich von Diess unter Druck gesetzt. Der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen hatte VW erst kürzlich gewarnt, sich einseitig auf E-Mobilität als künftige Antriebsform festzulegen. "Man darf nicht die Strategie eines einzelnen Unternehmens mit der gesamten Branche gleichsetzen", sagte ZF-Chef Wolf-Henning Scheider dem "Tagesspiegel".

VW-Chef Diess hatte bei der Bilanzpräsentation 2018 gesagt, es gelte jetzt, alle Kräfte auf das Ziel E-Mobilität auszurichten. "Technologieoffenheit ist jetzt die falsche Parole und führt nur dazu, den Systemwandel weiter in die Zukunft zu verlegen." Die Niedersachsen setzen alles auf die Karte E-Mobilität, während andere Hersteller auch auf Mischformen wie Plug-in-Hybride und synthetische Kraftstoffe (E-Fuels) setzen, um den CO2-Ausstoß zu senken.

Von seinem Großaktionär Porsche SE (PSE) erhielt Diess dafür Schützenhilfe. "Man muss die Voraussetzungen für die Elektromobilität deutlich verbessern, wenn es zum Erfolg führen soll, da gehört die wirtschaftliche Seite hinzu", sagte der PSE-Vorsitzende Hans Dieter Pötsch, der auch den VW-Aufsichtsrat leitet, in Stuttgart. Die Autoindustrie sorge jetzt für ein großes Angebot an Elektroautos. "Wir können nicht auch noch das Infrastrukturthema stemmen." VW-Chef Diess habe zu Recht die Diskussion mit der Politik und den anderen Autokonzernen über ein Strategiepapier angestoßen. Der Aufbau eines Netzes von Schnell-Ladestellen an Autobahnen durch ein Joint Venture der Hersteller bleibe ein Tropfen auf den heißen Stein. Volkswagen hatte vergangene Woche angekündigt, binnen zehn Jahren noch mehr E-Autos zu bauen, als bisher schon geplant, insgesamt 22 Millionen Fahrzeuge. Mit dem radikalen Schwenk wollen die Wolfsburger auch den Dieselskandal so schnell wie möglich vergessen machen.