Die Suche nach dem nächsten Level

„Was soll ich anders machen?“, fragt Marcel Hirscher.
„Was soll ich anders machen?“, fragt Marcel Hirscher.(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Der erfolgsverwöhnte Marcel Hirscher stieß zuletzt an sein Limit. Nun entscheidet er über die Fortsetzung seiner Karriere. Wie würde eine weitere Saison aussehen? Was müsste sich ändern?

Wien. Am Ende war es also der Bart. Ein aufmerksamer Beobachter des alpinen Skiweltcups meint bemerkt zu haben, dass Marcel Hirscher auf der Piste nicht mehr so recht vom Fleck gekommen ist, seit die Haarpracht im Saisonfinish aus dem Gesicht verschwunden ist. Auch solche Fragen muss der achtfache Gesamtweltcupsieger immer öfter beantworten. Und er tut es auch, meist sogar sehr schlagfertig, schließlich ist das eigentliche Skifahren längst nur noch ein kleiner Teil seines Jobs. Doch wer würde ihm da verübeln, wenn er in die Tat umsetzt, was er schon mehrmals angedeutet hat: Das ganze Drumherum werde zu viel, er lasse es bleiben mit dem Rennlauf.

Noch aber ist die Entscheidung nicht gefallen. Die letzten Schwünge der Saison liegen keine 48 Stunden zurück, als Hirscher Dienstagmittag in Wien vor die Presse tritt. Etwas mehr Zeit werde er schon brauchen, sagt der 30-jährige Salzburger. Aber diese letzten Schwünge des Winters waren wenig erbaulich, Tiefpunkt war Platz 14 beim Slalom in Soldeu am Sonntag, die Laufzeit im zweiten Durchgang war die schlechteste aller 23 Starter. Kristallkugel hin oder her – würde es der Wettkämpfer in ihm überhaupt erlauben, mit solchen Schwüngen abzutreten? Hirscher überlegt ein paar Sekunden, dann sagt er: „Ja. Schon. Weil irgendwann sind sie vergessen. Und nur noch meine guten bleiben vielleicht in Erinnerung.“

Müßig also, herauszukitzeln zu versuchen, was Hirscher selbst noch nicht weiß. „Es ist jedes Jahr das gleiche Frage-Antwort-Spiel. Aber ich bin ehrlich und sage: Momentan weiß ich nicht, ob ich das noch einmal machen möchte.“

 

Was dafür und dagegen spricht

Das Feuer für eine weitere schweißtreibende Sommervorbereitung und einen Winter voller Strapazen war so kurz nach dem Weltcupfinale bei Hirscher nicht zu erkennen. „Ich merke, dass ich 30 Jahre alt bin“, erklärt der Annaberger und gibt zu bedenken, dass er bereits seit 2008/09, als er als 19-Jähriger in Val-d'Isère erstmals um WM-Medaillen gekämpft hat, auf allerhöchstem Niveau fährt – eine bemerkenswert lange Zeit für einen Rennläufer.

Die Konkurrenz holt auf. Die vergangenen vier Jahre, meint Hirscher, habe er noch mit seiner Routine dagegengehalten. Längst aber hat sein Erfolgsmodell Nachahmer gefunden. „Es geht mittlerweile kein einziger Topathlet besichtigen, ohne dass er drei Paar Skier dabei hat. Die Topleute haben alle zwei Serviceleute. Das ist völliger Standard. Unfassbar eigentlich, was für ein Aufwand betrieben wird, es ist verrückt.“

Der nächste Schritt wäre klar: „Noch professioneller werden. Jetzt müsste man wieder etwas auf die Habenseite geben. Testen, Arbeiten, Entwickeln.“ Aber Hirscher fragt: „Was soll ich anders machen?“ Er selbst werde nicht mehr viele Hundertstel herausfahren können. „Beim Material können wir weitermachen, aber das ist auch das gleiche Radl.“

Wo also ansetzten? Noch besserer Ablauf am Rennwochenende (Anreise, Hotel, Essen)? Also weniger Drumherum, weniger Termine, weniger Interviews? „Das wäre natürlich eine gute Möglichkeit. Aber es muss vereinbar sein, mit Medien, Partnern, Veranstaltern. Aber klar: Wenn nur das Sportliche zählt, könnte man da einsparen.“

 

Eine Tendenz gibt es

Andererseits: Hirscher ist gesund, seine Knie haben 245 Weltcuprennen heil überstanden. Dass im nächsten Winter kein Großereignis ansteht, wird ihn eher locken als umgekehrt, er könnte sich auf sein Hauptziel Gesamtweltcup konzentrieren. Die Verträge mit Ausrüster Atomic und Sponsor Raiffeisen laufen noch bis 2020. „Ich möchte schauen, wie ich in den Sommer hineinkomme, ob es körperlich und mental noch einmal möglich ist, so eine Saison durchzuziehen.“

Eine Tendenz gibt es schon, „49:51“ sagt Hirscher, in welche Richtung verrät er nicht. Eines aber ist jetzt schon gewiss: Kommt Hirscher zurück, dann wieder mit Bart. „Mit Sicherheit.“

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