Der 3:1-Sieg von Inter Mailand über den FC Barcelona wird als taktisches Meisterstück in die Fußballlehrbücher eingehen. José Mourinho durfte sich als bester Trainer Europas fühlen.
MAILAND. José Mourinho, der eitle Startrainer von Inter Mailand, durfte sich nach dem 3:1-Sieg im Semifinalhinspiel der Champions League als bester Trainer Europas fühlen. Der Erfolg trug klar seine Handschrift. Mourinho lieferte gegen die beste Mannschaft der Welt ein taktisches Meisterstück.
Die Statistik befördert Überraschendes zutage, bestätigt aber die perfekte Umsetzung der Mourinho'schen Strategie. Inter überließ dem großen FC Barcelona 68 Prozent Ballbesitz. 520-mal passten sich die Barça-Künstler erfolgreich den Ball zu. Es blieb an diesem Abend brotlose Kunst.
Mourinho, der einst beim FC Barcelona als Dolmetscher in die Lehre gegangen ist, später dem großen Bobby Robson assistierte, kopierte diesmal ein wenig den FC Chelsea und nahm taktische Anleihen bei Arsenal. Arsene Wenger führte im Viertelfinale vor, wie man Barcelona begegnen muss. Doch sein Team konnte das Konzept nicht bis zum Ende umsetzen. Anders agierte Inter am Dienstag.
Offensivpressing nennt es Mourinho. Er versteht darunter ein extrem frühes Stören beim Spielaufbau. Inter Mailand stellte Barcelona nicht nur eine Viererkette, sondern mit Motta und Cambiasso ein Zerstörerduo im defensiven Mittelfeld entgegen. Und die Offensivabteilung machte bei jeder Gelegenheit Druck auf die Abwehr der Katalanen. Ungewohnte Abspielfehler von Barcelonas Hintermannschaft waren die Folge.
Ein eigenes Kapitel war die Entschärfung des Weltfußballers Lionel Messi. Er sah sich mit drei unangenehmen Zeitgenossen konfrontiert. Am Flügel stellte sich ihm Zanetti entgegen, Messis argentinischer Landsmann machte seine Sache so gut, dass der kleine Magier keinen Stich machte. Messi ließ sich immer weiter nach hinten fallen. Dort drohte er von Motta und Cambiasso erdrückt zu werden. Und so blieb dem zauberhaften Floh nur die Flucht auf die rechte Seite. Dort ist er nicht daheim – und Messi war aus dem Spiel.
Inter ist ein Meister, was das Spiel ohne Ball betrifft. Das erfordert Erfahrung, Feingefühl und vor allem die Gabe der Antizipation. José Mourinho hat Spieler, die solche Aufgaben lösen können. Er redet sie so lange stark, bis sie auch einen 0:1-Rückstand gegen die beste Klubmannschaft Europas wegstecken können. Einmal in Ballbesitz, geht es blitzschnell. Wer auf Diego Milito – einer von vier argentinischen WM-Spielern bei Inter – vertrauen darf, braucht sich um Tore keine Sorgen zu machen.
Die Mailänder provozierten Zweikämpfe. Barcelona beging 21 Fouls, kassierte fünf gelbe Karten, musste tun, was bisher nie notwendig war: kämpfen.
Und Inter nahm im Sturm bewusst hohes Risiko. Provozierte Abseitsstellungen. Neunmal wurden Eto'o und Co. zurückgepfiffen. Beim zehnten Mal traf Milito zum 3:1 – aus abseitsverdächtiger Position.
Mourinhos Offensivpressing ist nicht nur aufgegangen. Es wird in die Fußballlehrbücher eingehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2010)