Mozambique: Ungeahnte Ausmaße des Zyklons

Zerstörtes Beira: Rettungskräfte helfen Überlebenden aus der Stadt an der Küste von Mozambique.
Zerstörtes Beira: Rettungskräfte helfen Überlebenden aus der Stadt an der Küste von Mozambique.APA/AFP/ADRIEN BARBIER

Der Wirbelsturm Idai hat im bitterarmen Land ganze Städte vernichtet. 600.000 Menschen brauchen dringend Hilfe. Rettungsmaßnahmen greifen erst langsam.

Maputo/Wien. Die asphaltierte Straße ist rechts und links weggebrochen, ganze Brocken hängen am Abgrund. Die ursprüngliche Straße im Chimanimani-Massiv ist nur mehr ein dünner, kaputter Strich, umgeben von ockerfarbenem Schlamm, der dieser Tage die Bilder aus Mozambique beherrscht. Der Tropensturm Idai hat ganze Wege weggefegt: Familien kämpfen sich durch schlammige Erdrutsche, um zu einem Hilfscamp zu gelangen. Ein Bild zeigt mehrere Männer, wie sie sich barfuß durch Steingeröll schleppen, sie tragen einen notdürftig zusammengezimmerten Kindersarg.

Schlimm hat es die Stadt Beira direkt am Meer erwischt. Das Wasser hat sich in die Stadt hineingefressen, nahezu 90 Prozent der Infrastruktur samt Wohnhäuser sind zerstört. Noch ein paar Menschen harren auf den Dächern aus, das Wasser spült Unrat und ganze Bäume durch die ehemalige 500.000-Einwohner-Stadt. Tausende, wenn nicht Zehntausende haben sich auf Bäume gerettet. Am Mittwoch hat die Regierung im ostafrikanischen Land den Notstand ausgerufen. Die Regierung sprach zwar von 200 Toten, aber Präsident Filipe Nyusi geht von mindestens 1000 aus, denn etliche Menschen werden noch vermisst, in viele betroffene Regionen haben es die Rettungskräfte nicht einmal annäherend geschafft.

Am Mittwoch funktionierte zumindest teilweise das Telefonnetz wieder – zum ersten Mal seit vergangenem Donnerstag, als der Zyklon das bitterarme Land traf. Erst allmählich – über die telefonische Kommunikation und über Bilder aus dem Flugzeug – zeigt sich das Ausmaß der Naturkatastrophe. „Je mehr man über die Situation vor Ort erfährt, umso erschütternder wird das Bild“, sagt Hubert Neuwirth der „Presse“; er leitet in Mozambique das Auslandsbüro der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. „Viele Informationen kommen nach und nach. Für die nächsten zwei, drei Tage sind starke Regenfälle prognostiziert. Das wird die Gebiete noch mehr belasten, es wird zu weiteren Überflutungen kommen.“ Ein weiteres drohendes Szenario: Möglicherweise wird das Nachbarland Simbabwe die Schleusen der großen Staudämme öffnen, damit die Anlagen nicht brechen. Vor zwei Jahrzehnten, als Zyklon Eline das Land verwüstete, waren unzählige Schäden auf das Wasser von geöffneten Staudämmen zurückzuführen.

 

Helfer konnten nicht kommunizieren

Mindestens 600.000 Menschen sind derzeit akut hilfsbedürftig. Neben Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamente brauchen Rettungskräfte dringend Schnellboote, um die überfluteten Regionen erreichen zu können – die Stadt Beira ist über den Landweg gar nicht mehr erreichbar. Die Hilfsmaßnahmen konnten erst allmählich richtig greifen, bis Sonntag war der Flughafen gesperrt. Regenfälle erschwerten den Zugang ins unwegsame Gelände, aber auch die Helfer untereinander waren isoliert, wie Neuwirth schildert. „Am schwierigsten war die Koordination untereinander. Kommunikation war nur über das Satellitentelefon möglich, aber das hatten die wenigsten.“ Strom gibt es in weiten Teilen des Landes noch immer nicht, das ist zwar auf Sicherheitsgründe zurückzuführen, erschwert gleichzeitig aber auch den Zugang zu Trinkwasser.

Außenministerin Karin Kneissl hat jedenfalls angekündigt, eine halbe Million Euro aus dem Katastrophenfonds sofort zur Verfügung zu stellen. Weitere Hilfsmaßnahmen seien geplant. Das Geld erhalten demnach NGOs, die die Menschen an Ort und Stelle betreuen können. Neben EU-Ländern samt Großbritannien schicken auch Mozambiques Nachbarländer wie Südafrika, aber auch Indien Soforthilfe. „Man braucht jeden Cent“, sagt Neuwirth. Noch ist nicht abschätzbar, wie viele Menschen obdachlos sein werden. Teilweise hat der Zyklon die Krankenhäuser zerstört.

Die Vereinten Nationen gaben vorerst 20 Millionen Dollar Soforthilfe frei. Es könne sich bei dem Zyklon Idai um die schlimmste Wetterkatastrophe handeln, die die Südhalbkugel bisher heimgesucht habe, heißt es seitens der UNO. Mit Windböen, die bis zu 160 Stundenkilometern erreichten, fegte der Wirbelsturm vergangenen Donnerstag von Beira aus über das Land. Besonders betroffen von Überschwemmungen sind auch die zahlreichen Flüsse, etwa Sambesi, Púngwè und Revue.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2019)