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Chelsea Flower Show: Von edlem Wuchs

Queen Elizabeth II schaut regelmäßig auf der Flower Show vorbei.
Queen Elizabeth II schaut regelmäßig auf der Flower Show vorbei.(c) RHS / Luke MacGregor (Luke MacGregor)
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Der Höhepunkt unter allen britischen Gartenschauen ist die Chelsea Flower Show. Mit ein bisschen Glück erspäht man hier zwischen bunten Blumen sogar die Queen.

Wenn Bäume auf Bahnsteigen schwanken und Ranken aus den Taschen baumeln; wenn Büsche die Einstiege verstellen und Blumen die Fenster der Underground verdecken, dann weiß man in London: Die Chelsea Flower Show ist vorbei. Eine der größten, bekanntesten, wichtigsten, sicher die royalste Blumenschau der Welt, vom Landadel ebenso wie von Stadtpromis besucht, begutachtet und bewertet. Und schließlich nach Hause getragen.

Jedes Jahr bringt sie jene Gärtner zum Schwitzen, die ihre Blumen rechtzeitig zum Blühen bringen müssen. Garten-Shows, wie überhaupt das Gärtnern, das Sammeln exotischer Pflanzen und Landschaftsgestaltung, waren schon immer Lieblingsthemen der Briten, die sich bereits vor über 150 Jahren für die „Great Spring Show“ begeisterten. Sie wird seit 1912 als „Chelsea Flower Show“ neben der Themse im Areal der altgedienten Kriegsveteranen – rot uniformiert mischen sie sich gern unter die Flower-Show-Besucher – und des Royal Hospital präsentiert. Der Motor des Ganzen ist die Royal Horticultural Society RHS, die sich seit 1804 um Pflanzen, um Gärten und Menschen in Gärten oder Menschen, die gern Gärten besuchen, kümmert. Die Idee dazu hatte ein gewisser John Wedgwood, der Besuchern die Gelegenheit geben wollte, ihre Erfahrungen mit Pflanzen und Unkraut auszutauschen, sich über Ästhetik und die neuesten Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zu unterhalten. Und auch mit ihren besonderen Züchtungen zu protzen.

Heute kümmert sich die RHS intensiv um ihre über 400.000 Mitglieder in aller Welt (Jahresbeitrag 59 Pfund) und um ihre etwa 180 Gartenanlagen in ganz England. Und mit 300.000 Helfern auch um das Bepflanzen öder Flächen in England („Greening Gray Britain“), vom Schulhof bis zur Industriebrache. Gardening Groups werden gegründet, sechs Millionen englische Kinder werden zum Gärtnern motiviert und verschiedene neue Ideen ausprobiert und propagiert.

Schottische Erdäpfelexpertise

Aber auch andere Initiativen wie „Baum-Watching“ (man hilft beim Beobachten und Melden von kranken Bäumen) oder spezielle Bezirksbegrünungen („Chelsea in Bloom“) gibt es. Zudem sollen Besucher der Chelsea Flower Show ebenfalls ihren grünen Daumen trainieren und zwischen riesigen Blumenarrangements, Rosenlauben und Hügeln voll fleischfressender Pflanzen auf den Geschmack kommen. Auch einen Berghang mit Erdäpfeln in allen Farben und Mustern gibt es zu bestaunen: Den schottischen Leidenschaftsgärtner darauf anzusprechen, macht richtig Spaß – er weiß einfach alles über die Knolle und will es auch weitergeben, was allerdings ziemlich lang dauern kann.

Ganze Tierparks werden für die Flower Show aus Gras geformt und aus Büschen geschnitten, Blumenkaskaden fließen aus Betonwänden, Pferde aus Draht, Wurzeln oder Heugewebe galoppieren über Blumenwiesen, und Kupferblüten fangen das Sonnenlicht ein (oder lassen den Regen melodisch trommeln, wie einem versichert wird). Vogelscharen aus Blech, Märchenfiguren aus Bronze, Riesenpilze aus geschältem Astwerk werden präsentiert, dazwischen schreiten junge Frauen mit 10 kg schweren Blumengebilden auf dem Kopf durch die Blütengassen; ein Stelzenpärchen in Wiesenmontur ragt über die Köpfe, Rosen- vermischt sich mit Erdbeerduft, und wenn man Glück hat, dann trifft man sogar auf Judy Dench und plaudert kurz mit der netten Dame.

Die Queen (ebenfalls Stammgast), Prinz Harry, William und Kate sind etwas schwerer anzusprechen. Aber auch andere Promis zeigen sich gern zwischen Blumen und Büschen, vor allem, wenn man sich mit Charity-Themen schmücken kann wie in einem Erholungsgarten für Krebskranke oder einem Ecotherapie-Garten, der Kinder vom Internet weglocken soll. In den „Show Gardens“ wird viel in Gestrüpp, Felsen, Wasserläufe oder Drahtgestelle hineininterpretiert. Künstler lassen sich von der Natur zu ebenfalls symbolhaften Kleingärten inspirieren, und sogar die wissenschaftliche Sicht auf Brustkrebs (drei Riesenringe stellen ein Mikroskop dar) oder Depression („Metallwände lassen Sicherheit, aber auch Isolierung fühlen . . .“) werden zum Thema.

Blütezeit Achtziger

Und so drängen sich die Gartenliebhaber für über 100 Pfund pro Tag durch die Tore, die wegen Andrangs in den Achtzigerjahren sogar zeitweise gesperrt werden mussten. „Nur noch“ 40.000 Besucher pro Tag waren erlaubt, damit man nicht nur Blumenkleider, sondern auch echte Blumen zu sehen bekam. An den fünf Ausstellungstagen wurden zuletzt 154.000 Besucher eingelassen, um die 600 Aussteller kritisch zu begutachten und die passenden Gärtnerhandschuhe (30 Pfund), Gummistiefel (100 bis 300 Pfund) oder ein zu einer der 60 speziellen Teemischungen passendes Wedgwood-Service (Preise auf Nachfrage) zu erstehen.

Bei einem solchen Getümmel spendierfreudiger Gartenliebhaber sind doch die Kosten für einen kleinen Verkaufsstand an der Eastern Avenue von läppischen 5000  Pfund für die fünf Tage schnell herinnen. Da gibt es neben Landschaftsstickereien (unglaublich detailliert), Gartenzubehör oder (überaus liebevoll aus Stämmen gelösten) Holz-Schmetterlingen auch den Tisch, den jeder braucht: Ein tonnenschweres Bronze-Hippo, dessen Kopf aus einer Glasplatte ragt, das, einmal aufgestellt, nie mehr bewegt werden kann und 15.000 Pfund kostet.

Natürlich braucht es bei solchen Shows adelnde Auszeichnungen. Warum wer was gewinnt, das ist nicht immer ganz verständlich: Der Gewinner-Schaugarten, von der steinigen Landschaft Maltas inspiriert, erinnert ganz heftig an das Holocaust-Mahnmal in Berlin, aber was soll’s. Ein Pferd aus Hufeisen im Grüngewirr, der „Horse Wellfare Garden“, wurde natürlich (die Queen liebt doch Pferde) auch ausgezeichnet, ebenso wie der Breast Cancer Garden mit seinen Mikroskop-Symbol-Reifen. Ein wahrer Goldregen geht jedes Mal auf die Gärtnerschaft nieder: Insgesamt konnten sich 73 Aussteller über Goldmedaillen freuen – das muss doch die Mühe wert sein? Wie auch das oben erwähnte Abräumen der Stände am Ende der Show. Und so schleppt man mühselig seine Blümchen und Bäumchen, die man beim Nachbarsgärtner sicher bequemer und preiswerter hätte erstehen können, glückselig in die U-Bahn und nach Hause – denn schließlich ruhte darauf vielleicht der Blick der Queen oder zumindest eines ihrer Verwandten. Und was braucht der Mensch mehr?

Chelsea Flower Show 2019

Die berühmte Gartenschau findet 2019 pikanterweise parallel zur Europawahl statt, nämlich vom 21. bis 25. Mai. Gartenfreunde werden sich davon nicht abhalten lassen. Siehe auch www.rhs.org.uk

Das jugendliche Pendant zur weltberühmten Chelsea Flower Show ist die Chelsea Fringe.