Moralisierende Götter waren der Kitt der großen Imperien

Der Glaube an strafende Gottheiten und übernatürliche Phänomene ist nicht eine Voraussetzung, dass die Menschen kooperieren und komplexe Gesellschaften bilden, sondern der Kitt, der diese ab einer gewissen Größe zusammenhält.
Der Glaube an strafende Gottheiten und übernatürliche Phänomene ist nicht eine Voraussetzung, dass die Menschen kooperieren und komplexe Gesellschaften bilden, sondern der Kitt, der diese ab einer gewissen Größe zusammenhält.Joseph Mallord William Turner/Indianapolis Museum of Art

Große Gesellschaften auf der ganzen Welt konstruierten sich übernatürliche Sittenwächter, damit sie nicht in ethnische Gruppen zerfallen. Das heißt, sie entstanden nicht erst mithilfe des Glaubens an strafende Gottheiten, berichtet ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung.

Wer war zuerst da – komplexe Gesellschaften oder der Glaube an einen strafenden Gott? Erstere vermutlich. Darauf weisen zumindest die Ergebnisse einer von Patrick Savage (Universität Oxford) geleiteten Studie hin: Demnach formierten sich zuerst große Gesellschaften, die anschließend durch die Konstruktion moralisierender Götter zusammengehalten wurden. Dies hätte dem Zerfall in ethnische Gruppen vorgebeugt, berichtet die Forschungsgruppe mit österreichischer Beteiligung vom Wiener Complexity Science Hub (CSH) nun im Fachmagazin Nature (20. 3.). Der Glaube fungiert entsprechend als sozialer Kitt.

Mächtige moralisierende Götter oder übernatürliche prosoziale Lenkmechanismen wie das Karma im Buddhismus entstanden fast immer erst, wenn die Gesellschaften mehr als eine Million Menschen zählte, sagen die Forscher. Dieser Zusammenhang war bereits in früheren Untersuchungen angedeutet worden. Kausalitäten konnten bislang jedoch nicht bestätigt werden. Savage und sein Team untersuchten in ihrem Projekt Daten zu 414 Gesellschaften aus 30 Regionen weltweit, die sich in den vergangenen 10.000 Jahren gebildet hatten. Für die Analyse nutzen die Wissenschaftler Seshat, eine Datenbank für Globalgeschichte.

Erst Rituale, dann Religion

„Standardisierte Rituale entstanden jeweils viel früher als der Glaube an moralisierende Götter“, berichtet Peter Turchin von der University of Connecticut, der assoziiertes Mitglied am CSH ist. Dies lege nahe, dass für die Kooperation und das Entstehen sozial komplexer Gesellschaften rituelle Praktiken und somit eine gemeinsame Identität wichtiger als eine religiöse Überzeugungsind. (APA/cog)

Publikation: Complex societies precede moralizing gods throughout world history (Nature/2019)


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