Schnellauswahl

Werden wir zum Kollateralschaden im globalen Wirtschaftskrieg?

Die europäische Wirtschaft wird immer mehr zum Kollateralschaden des chinesisch-amerikanischen Ringens.
Die europäische Wirtschaft wird immer mehr zum Kollateralschaden des chinesisch-amerikanischen Ringens.APA/AFP/NICOLAS ASFOURI
  • Drucken

Europa hat hoch konkurrenzfähige Unternehmen, aber keine konsistente Wirtschaftsstrategie. Im globalen Kampf der Giganten ist das eine Katastrophe.

Europa, das ist auf diesen Seiten sehr schön dargestellt, muss seine Unternehmen nicht verstecken: Es gibt eine Reihe von Konzernen, die im globalen Konzert führend mitspielen, und es gibt darunter, von der Öffentlichkeit kaum beachtet, eine Reihe von kleinen und mittelgroßen Hidden Champions, die in ihrer Nische zur Weltspitze zählen. Das sieht nicht gerade nach fehlender Innovationskraft aus.

Wie kommt also das in vielen Köpfen verbreitete Image vom untergehenden Kontinent zustande? Und wie kommt unter diesem Aspekt beispielsweise Bundeskanzler Sebastian Kurz, wie neulich in einem Gastkommentar für die „Welt“, zu der Diagnose, Europa wirke „selbstzufrieden und träge“ und habe nicht mehr den Willen, spitze zu sein?

Die Antwort ist relativ einfach: Wir haben international höchst konkurrenzfähige Unternehmen. Aber, auf europäischer Ebene, keine konkurrenzfähige Industrie- und Wirtschaftspolitik. Und das ist tatsächlich eine Bedrohung für den Wohlstand, den wir uns erarbeitet haben.

Man muss sich nur vor Augen halten: Derzeit tobt ein ziemlich heftiger Wirtschaftskrieg um die globale Dominanz zwischen den großen Wirtschaftsblöcken. In der Theorie sind das die USA, China und Europa. In der Praxis wird die europäische Wirtschaft immer mehr zum Kollateralschaden des chinesisch-amerikanischen Ringens. Denn: Den Wirtschaftsblock Europa gibt es de facto nicht. Es gibt zwar einen gemeinsamen Binnenmarkt, aber kein gemeinsames Auftreten nach außen.

Man kann sich das in diesen Tagen erste Reihe fußfrei in Rom ansehen: Dort lässt sich die italienische Regierung gerade vom chinesischen Ministerpräsidenten umgarnen. Und wird mit der Supermacht des 21. Jahrhunderts eine Reihe von Abkommen schließen, die in Brüssel auf Missfallen stoßen oder gar die dortige Wirtschaftsstrategie konterkarieren.

Schon zuvor haben die Chinesen mit viel Geld eine Reihe von osteuropäischen Ländern aus der europäischen Allianz herausgebrochen. Auch Österreich ist dabei, sich für ein paar Seidenstraßen-Silberlinge in chinesische Dominanzstrategien einbinden zu lassen. Brüssel muss dem taten- und hilflos zusehen. Europa hat also mangels Einheit sichtbar keine umsetzbare Strategie gegen die großen Wirtschaftsblöcke. Und auch keine für die Globalisierung. Maßstab des wirtschaftlichen Denkens ist der Binnenmarkt und nicht die Welt, wie wir bei der Untersagung der Eisenbahnfusion von Siemens und Alstom gesehen haben.

Vor allem aber ist Europa als Ganzes politisch nicht existent. China beispielsweise setzt sehr konsequent seine politisch vorgegebene Welteroberungsstrategie „One belt, one road“ um. Und in den USA ist das Trump'sche „America first“ zum Maß aller wirtschaftsstrategischen Dinge geworden. Man kann diesen starken Einfluss der Politik auf die Wirtschaft jetzt mögen oder nicht, aber er ist einfach Realität. Und Europa droht, dabei zerrieben zu werden.

Dass Frankreich und Deutschland dem jetzt einen industrie- und wirtschaftspolitischen Kontrapunkt entgegensetzen wollen, ist zwar verdienst-, aber wenig wirkungsvoll, wenn 25 der bald nur noch 27 Unionsmitglieder dagegen sind, weil sie innereuropäische Dominanz der beiden Länder fürchten.

Anders gesagt: Europa hat Weltklasseunternehmen, ist aber wirtschaftspolitisch nicht in der Lage, den USA und China auf Augenhöhe entgegenzutreten. Nicht zuletzt, weil die Einzelstaaten divergierende Interessen und Ansichten haben. Und das kann sehr wohl zum Problem werden. Große Unternehmen sind global aufgestellt und können sehr schnell reagieren, wenn das Umfeld nicht mehr passt. Und dass innovative kleine Start-ups in der Regel bald nach der Gründung in Richtung USA verschwinden, weil sie dort die besseren Bedingungen vorfinden, sollte auch ein Alarmzeichen sein.

Exzellenz und Innovationsführerschaft sind schöne Sachen. Aber sie nützen relativ wenig, wenn der zur Entfaltung und Umsetzung notwendige wirtschaftspolitische Hintergrund fehlt. Daran wird Europa noch arbeiten müssen.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2019)