Schnellauswahl

Denken mit den Augen

Sexualität und Schreiben hängen bei Gerhard Fritsch eng zusammen. Das Sensationelle in den nun veröffentlichten Tagebüchern ist, wie er darum ringt, seine Obsessionen als Material für seine Literatur zu nutzen.

Gerhard Fritsch war schon nah daran, zum Geheimtipp zu verkommen oder in die Literaturgeschichte entsorgt zu werden. Auch wenn niemand, der seinen Roman „Fasching“ gelesen hat, dieses brennende Lektüre-Erlebnis vergessen konnte. Der Roman „Moos auf den Steinen“, den Georg Lhotsky mit Erika Pluhar verfilmt hat, blieb mit seinem Namen verbunden, von seinen Gedichten war (zu Unrecht!) kaum mehr die Rede, und das nachgelassene Romanfragment „Katzenmusik“ war etwas für Eingeweihte. Doch jetzt sind zu Fritschs 50. Todestag seine Tagebücher der Jahre 1956–64 erschienen, und man wird in seine Textwelten ganz neu involviert. „Ob dieses ,intime‘ Tagebuch ehrlich wird? Und mehr als Geschwätz?“, fragt sich der Autor schon auf der ersten Seite. Und je mehr man davon liest, umso sicherer kann man sie mit Ja beantworten. Das hängt mit einer anderen Frage zusammen, die Fritsch sehr rasch für sich klärt: „Tagebücher mit Hinblick auf die Nachwelt? Ich will zuerst einmal mir selber bekennen – und damit wird schon genug provoziert.“