Ungarns witzigster Amateurweinentertainer betreibt mit seiner Familie ein rammelvolles Lokal im Grenzstädtchen Köszeg.
Was würden Sie tun, wenn Sie im ungarischen Grenzstädtchen Köszeg, nicht weit vom Burgenland, die Tür zu einem Lokal einen Spaltbreit öffneten und einen Mann im fast noch besten Alter sähen, der mit Leidenschaft in die Saiten einer ziemlich verstimmten Gitarre greift? Dazu singt er mit einer Inbrunst, als habe er das Lied erfunden: „Born to be wi – i – i – ild, born to be wild!“ Kehrtmachen und flüchten? Das wäre eine Möglichkeit. Die zweite besteht darin, das Lokal zu betreten und die Barfrau zu fragen, ob noch ein Sitzplatz frei ist. Natürlich ist keiner frei. Darf man stehen? Klar, Stehplätze sind immer frei – we can climb so high – i never wanna die!
Die Barfrau bringt einen Wein aus der Region, und in diesem Moment würden Sie begreifen, dass Sie in einer Vinothek sind. Jetzt könnten Sie fragen, was da auf der Speiskarte steht. Die nette Barfrau würde antworten: „Wir bieten Ihnen nicht nur Trinken, sondern auch Essen.“ Sie könnten fragen, welches, Sie würden zur Antwort kriegen: Käseplatte.
Der Heavy Metal Thunder würde nun vorbei sein. Der Sänger würde eine Geschichte auf Ungarisch erzählen, die sein Publikum immer wieder zum Lachen brächte, und anschließend würde er ungarische Lieder spielen, und auch noch ein brasilianisches. Dazwischen würde er Geschichten erzählen und irgendwann „As Tears Go By“ von den Stones zum Besten geben. Was für ein Abend! Würden Sie die Barfrau fragen, was der Sänger erzählte, würde sie antworten: „Die Geschichte des Weinbaus von Köszeg.“ Würden Sie fragen, wer dieser Sänger sei, würde sie sagen: „Mein Vater.“
Die Vinothek des Bistey Béla Zsolt ist ein Familienbetrieb, gleich neben dem Postmuseum, das seine Frau leitet. Dort – würde Bistey Ihnen erzählen, wenn Sie ihn nach dem Konzert fragten – stünde sogar eine echte Postkutsche. Jetzt könnten Sie einen Schluck Wein nehmen, alles aus der Gegend, alles ausgezeichnet, zu moderaten Preisen. Eigentlich stammt Bistey aus Debrecen, eigentlich wollte er mit der Familie nach Neuseeland emigrieren, doch dann kam die Krankheit seiner Schwiegermutter dazwischen. Sie ließen sich in Köszeg nieder. „Das Singen ist nur mein Hobby“, erklärt Bistey und streckt einem die Visitenkarte entgegen, auf der er sich als „Bor-Showman“ in seinem „Borárium“ bezeichnet. Bor ist das ungarische Wort für Wein, es stammt erstaunlicherweise aus dem Türkischen.
Nun könnten Sie fragen, wie Bistey Béla Zsolt zum brasilianischen Liebeslied komme? „Mein Onkel war 1950 nach São Paulo ausgewandert, er betrieb dort eine Handschuhfabrik“, erzählte der Sänger, „und ich ging ihm dort in den Siebzigerjahren ein bisschen zur Hand. Ich
interessiere mich für Sprachen. Können Sie Polnisch?“ Er wüsste nämlich einen polnischen Trinkspruch. Egal – Bistey Béla Zsolt würde Ihnen klarmachen, dass Sie jederzeit mit bis zu zehn Freunden in seine Vinothek zu
Besuch kommen sollen, mit Showprogramm, mit Wein, ganz, wie Sie wünschen.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at
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