Es ist gerade Spätsommer in Johannesburg. Die Vögel zwitschern und William Kentridge sitzt im Garten hinter seinem Studio und plaudert mit uns über die Relevanz von Mythen. Über Perseus, Nana, Lulu und Riten des 21. Jahrhunderts.
Hugo von Hofmannsthal sah in den antiken Mythen einen magischen Spiegel der ewigen Probleme der Menschheit; Mark Rothko sagte, er habe sein ganzes Leben nur Tempel gemalt. Woher kommt diese Faszination von Künstlern für die Antike? Ich nehme an, Sie teilen diese?
William Kentridge: Ich habe keine große Faszination für Tempel, liebe natürlich einige griechische Skulpturen, aber wirklich fasziniert bin ich von den Geschichten, den Mythen Griechenlands. In ihnen schwingen immer die Dilemmata mit, die wir heute noch haben. Die Perseus-Geschichte etwa. Der Großvater, der alles versucht, um dem vom Orakel vorausgesagten Schicksal, dass sein Enkel ihn einst töten wird, zu entgehen. Als er, der König, dann hört, dass der von ihm weggeschickte Perseus zurückkehrt, als er denkt, er komme, um ihn zu töten, läuft er als Bettler verkleidet davon. Perseus, der von all dem nichts weiß, nimmt am Weg zurück bei sportlichen Spielen teil, wirft den Diskus – und trifft damit einen alten Mann in Sack und Asche gekleidet, ganz hinten im Stadion, und tötet ihn. Als ich das als Kind mit etwa acht Jahren gelesen habe, hat mich diese Unvermeidbarkeit, mit der diese Voraussage eintraf, erstaunt. Dass man so viele verschiedene Handlungen unternimmt, um am Ende den vernichtenden Schlag dennoch zu bekommen – das beinhaltet Terror und Faszination.
Können Sie das auf das Heute umlegen?
Bei jedem Flugzeugunglück etwa gibt es diese Geschichten: Entweder von einem, der eigentlich im Flugzeug hätte sein sollen, aber es schaffte, sein Schicksal zu vermeiden. Oder von Leuten, die eigentlich nicht hätten fliegen sollen, aber im letzten Moment noch ein Ticket bekamen und an Board gingen, um ihr Schicksal dort zu treffen.
Haben Sie noch ein Beispiel für uns?
Natürlich Ovids Metamorphosen! Das sind antike Geschichten der Transformation, die auch Geschichten von Panik sind, von der Unmöglichkeit, sich in einer bedrohlichen Situation irgendwie zurechtzufinden. Dann natürlich die Geschichten, die fundamental sind für unser Selbstverständnis im 21. Jahrhundert, die freudianischen Geschichten von Ödipus. Das heißt nicht, dass sie immer genau zutreffend sind, aber sie haben uns eine neue Art zu denken aufgezeigt. Es wird sicher auch in anderen tief mythischen Kulturen solche Geschichten geben, aber keine erzeugen bei mir eine derart starke Resonanz wie diese klassischen Mythen. Wobei mir Mythen über das Akzeptieren von Leid immer noch fremd sind.