Wirbel um geplanten Verkauf von Westbahn-Zügen

PEROUTKA Guenther / WB

Die Westbahn stellt offenbar ihre Flotte zum Verkauf. Die ÖBB wollen sie übernehmen. Nun wird spekuliert, dass die Westbahn neue Züge in China kaufen könnte.

Wien. Bei der Westbahn herrscht Aufregung. Gleich vorweg: Die private Bahn, die seit 2011 auf der Strecke Wien-Salzburg fährt, soll weder eingestellt noch verkauft werden. "Natürlich wird es die Westbahn weiter geben", sagt Miteigentümer Erhard Grossnigg zur "Presse". Grossnigg hält über seine Augusta Holding 32,7 Prozent an der Westbahn-Mutter Rail Holding. Haupteigentümer ist Hans Peter Haselsteiner. Seine Familienprivatstiftung hält 49,9 Prozent der Anteile. Weitere 17,4 Prozent gehören der französischen Staatsbahn SNCF. Weder ein Verkauf der Westbahn noch eine Übernahme durch einen Konkurrenten sei geplant, so Grossnigg. "Diese Information habe ich nicht."

Warum also die Aufregung? Die ÖBB hat eine Ausschreibung lanciert, die heftige Spekulationen in der Branche ausgelöst hat. Demnach sucht die Staatsbahn neue Züge. Konkret heißt es da zum Auftrag: "Lieferung und Instandhaltung von 17 Stück (gebrauchten) doppelstöckigen Elektrotriebzügen an die ÖBB Personenverkehr AG." Eine ähnliche Ausschreibung gibt es von der Deutschen Bahn. Die Deutsche Bahn sucht Fahrzuge, die "höchstens 10 Jahre alt" sein sollen und "mindestens eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h erreichen" müssen. In der Branche wurde daraus rasch der Schluss gezogen, dass die Westbahn ihre Züge zum Verkauf stellt. Die Westbahn-Flotte zählt genau 17 Züge. Sie kommen vom Schweizer Hersteller Stadler, zehn davon sind erst seit 2017 in Betrieb. 

Doppelstockzüge mit 200 km/h

Bei der Westbahn gibt man sich zugeknöpft."Es ist ein neuer Markt für junge Gebraucht-Züge entstanden", heißt es in einem schriftlichen Statement. Und: Die Westbahn plane, "mit dem am schnellsten lieferfährigen Qualitäts-Lieferanten auf dem Weltmarkt ein noch weiter verbessertes Zugkonzept für Doppelstockzüge mit 200 km/h rasch umzusetzen und gleichzeitig damit dem Bahnverkehr die schnelle Bereitstellung von jungen Gebrauchtzügen zu ermöglichen". Näheres wollte man dazu nicht sagen. Bei den ÖBB bestätigt man das Interesse an den Zügen: „Wenn es auf dem Markt die Möglichkeit gibt, weiteres Zugmaterial zu bekommen, dann sehen wir uns das an. Damit können wir ältere Garnituren - wie die auslaufenden 4020er - möglicherweise früher austauschen. Das wäre gerade in der Ostregion für unsere Kunden ein großer Vorteil", heißt es in einem Statement. Ein Sprecher ergänzt aber, dass die Gespräche noch ganz am Anfang stünden. Genauso gut könnte die Deutsche Bahn den Zuschlag bekommen.

Westbahn-Miteigentümer Erhard Grossnigg wollte die Ausschreibungen nicht kommentieren. Es soll aber am kommenden Mittwoch eine Aufsichtsratssitzung der Rail Holding stattfinden.

Sowohl die Westbahn als auch die Muttergesellschaft Rail Holding haben das Jahr 2017 mit einem Verlust beendet und diesen im Vorjahresvergleich deutlich ausgeweitet. Ursprünglich hatte das Unternehmen schon für ihr erstes volles Geschäftsjahr, das Jahr 2012, einen operativen Gewinn angepeilt. Aber erst 2016 ist sich erstmals ein kleines Plus beim Gewinn vor Steuern ausgegangen. Dann wurde die Flotte aufgestockt, und diese Investitionen konnten dem Unternehmen zufolge noch nicht wieder hereingespielt werden. 

Verhandlungen mit chinesischem Konzern

Nun sieht es so aus, als ob die Westbahn neue Züge von einem chinesischen Hersteller kaufen will. Wie die "Presse" in Erfahrung bringen konnte, laufen Verhandlungen der Westbahn mit der chinesischen CRRC Corporation Limited. Ob es tatsächlich zu einem Vertragsabschluss kommt, ist aber noch unklar. CRRC, das zu mehr als der Hälfte im Besitz des chinesischen Staates ist, ist der größte Schienenfahrzeughersteller der Welt. Seit 2016 hat der an der Shanghaier Börse gelistete Konzern auch eine Niederlassung im Wiener DC Tower und lenkt von hier aus seine Europa-Geschäfte. Schon vor drei Jahren zeigte CRRC Interesse an einer Kooperation mit Österreich - damals hoffte es auf einen Zuschlag für eine Ausschreibung der ÖBB für 200 Güterlokomotiven.

Falls der Deal tatsächlich zustande kommt, ist das eine höchst brisante Angelegenheit. Der chinesische Staatskonzern hat schon einige kleinere Aufträge von europäischen Bahnkonzernen eingeheimst. Als erstes EU-Land kaufte 2016 ein tschechisches Bahnunternehmen drei Schnellzüge von CRRC. Die Deutsche Bahn hat vier Loks in China geordert. Sollte die Westbahn nachziehen, wäre das allerdings der mit Abstand größte Auftrag für ein chinesisches Bahnunternehmen in Europa.

In der Branche kursieren zu dem Thema einige Gerüchte. Eines lautet, dass die Chinesen an einem Prototyp für einen doppelstöckigen Triebzug basteln und für diesen auch eine Zulassung für den europäischen Markt anstreben. Die Westbahn fährt mit doppelstöckigen Zügen. Insidern zufolge würde sich das frühestens bis Mitte 2020 ausgehen. Die Westbahn will sich dazu nicht äußern. Es heißt nur: "Da die Westbahn das einzige Bahnunternehmen in Österreich ohne Subventionen mit Steuergeld ist, müssen die Westbahn und ihre Eigentümer jede Opportunität nutzen, die sich bietet, um die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens langfristig abzusichern."

Große Konkurrenz aus China

Das Thema ist auch noch von einer anderen Warte interessant. Die chinesische CRRC ist der größte Zughersteller der Welt. Aber auf dem europäischen Markt dominieren andere Namen: Siemens (dessen Bahnkompetenzzentrum in Wien und Graz sitzt), Alstom, Bombardier, Stadler. CRRC tastet sich schrittweise auf den europäischen Markt vor. Und mit jeder Bestellung macht sich das Unternehmen besser mit den hiesigen Anforderungen und Gepflogenheiten bekannt. Siemens wollte seine Zugsparte mit dem französischen Konkurrenten Alstom fusionieren, mit dem Argument, so der chinesischen Konkurrenz die Stirn bieten zu können. Siemens-Alstom wäre der zweitgrößte Bahnhersteller der Welt geworden. Aber die EU-Kommission hat den Zusammenschluss untersagt. Die Begründung: "Ein Unternehmen wird im Ausland nicht wettbewerbsfähig sein können, wenn es nicht auch zu Hause Wettbewerb hat", sagte EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager.