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Düsterer Engel: Scott Walker ist tot

Pop Singer Scott Walker formerly of the Walker Brothers walks to a Russian bound aircraft at Lond
Scott Walker im Jahr 1967.imago images / United Archives I
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Mit den Walker Brothers hatte der US-Musiker Noel Scott Engel vulgo Scott Walker den großen Hit "The Sun Ain't Gonna Shine (Anymore)", sein Solowerk ist so düster wie gewaltig. Nun ist er mit 76 Jahren gestorben.

Scott Walker war der düsterste unter all den düsteren Traumprinzen des Sixties-Pop, und dabei hieß er nicht nur mit bürgerlichem Namen Engel, sondern sah auch so aus: Mit weichem blondem Haar, die Augen feucht oder hinter Sonnenbrillen verborgen, krümmte sich Noel Scott Engel vulgo Scott Walker übers Mikrofon und sang Melodramatisches. „The Sun Ain't Gonna Shine Anymore“ vor allem, 1966, den übergroßen Hit der Walker Brothers, die keine Brüder waren und alle drei nicht wirklich Walker hießen. „Lonelyness is the cloak you wear, a deep shade of blue is always there“, hieß es darin, und das gilt – auch wenn dieser Song gar nicht von ihm war – für sein ganzes Werk.

Schreiende Esel

Nach einer Flucht ins Kloster und einem Selbstmordversuch trennte sich Scott Walker, von Angstzuständen und den Zwängen der Hitmaschinerie geplagt, 1967 von den Walker Brothers und begann eine Solokarriere, zuerst mit schlicht durchnummerierten Chansonalben, auf denen er etwa Jacques Brel für den englischen Sprachraum entdeckte und die immer dunkler wurden. Nach einer weiteren Krise und einer halbherzigen Wiedervereinigung der Walker Brothers erschien 1983 plötzlich „Climate of Hunter“, die erste einer Serie von Alben, auf denen er sich radikal von allem Pop-Wohlgefallen abwandte. Von der Songform sowieso. Auf „Tilt“ (1995) zitierte Walker aus dem Prozess gegen Adolf Eichmann; auf „The Drift“ (1995) sprach er mit dem toten Zwillingsbruder von Elvis Presley und behandelte die Exekution von Mussolinis Geliebter; man hörte Esel schreien und wurde über die ungewöhnliche Entstehung eines dumpfen Beats belehrt: der Perkussionist musste auf Walkers Geheiß auf eine Rinderhälfte schlagen.

Schwanengesang

„While plucking feathers from a Swan Song“, lautete die immer wiederkehrende Zeile des ersten Stücks von „Bish Bosch“ (2012): Zu böse wummernden Trommeln und unheimlichem Kreischen erzählte Walker feierlich, was alles passiert, während er Federn aus einem Schwanengesang pflückt, also über den Tod meditiert. In „Tar“ bildete das Schleifen von Messern den Rhythmus, zu dem Walker über Genesis und Exodus assoziierte und Attritio und Contritio beschwor, Und ein Track mit dem astrophysikalischen Namen „SDSS 1416+13B“, durch den Nibelungen und Elektronen, Venus und Barbaren geisterten, endete in paradoxer Kälte: „It's so cold, infrared. What if I freeze, and drop into the darkness?“

Wahrlich, es schauderte einen. Gegen solchen existenziellen Horror wirkten all die depressiven Lärmer der Achtzigerjahre eitel, doch man setzte sich ihm nicht oft aus. Kollegen schätzten ihn, David Bowie coproduzierte den Dokumentarfilm "Scott Walker: 30 Century Man" (2009), doch die Platten verkauften sich elend. Das Gerücht, dass „Climate of Hunter“ die am schlechtesten verkaufte Platte in der Geschichte von Warner Brothers gewesen sei, hatte er allerdings selbst erfunden, „aus Wut und Enttäuschung“, erklärte er in einem Interview.

Zuletzt: ein dröhnendes Schlaflied

Zuletzt veröffentlichte Scott Walker 2014 gemeinsam mit der radikalen Metal-Band Sunn O)))) das Album „Soused“, das in einem tief gefrorenen „Lullaby“ endete, in dem Walker zuletzt, nachdem all das Dröhnen verklungen war, mit erstickender Stimme, nur mehr begleitet von einem leisen Piepen, im Passiv versprach: „The most intimate personal choices and requests central to your personal dignity will be sung.“ Darauf konnte nichts mehr folgen. Nun ist Scott Walker, der in den letzten Jahren ganz zurückgezogen gelebt hatte, im Alter von 76 Jahren gestorben.