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 „Ein Gauner & Gentleman“: Ein Netter Ausflug ins Filmmuseum

Immer sympathisch, hier mit Hut als Markenzeichen: Der 82-jährige Robert Redford als Bankräuber.
Immer sympathisch, hier mit Hut als Markenzeichen: Der 82-jährige Robert Redford als Bankräuber.DCM
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Kritik „Ein Gauner & Gentleman“ von David Lowery soll Robert Redfords letzter Film als Schauspieler sein. Die Geschichte dürfte vor allem den Protagonisten Spaß gemacht haben.

Erstaunlich, was es in den 1970er- und 1980er-Jahren alles gab: Da konnte einer 93-mal mit seinen Freunden in eine Bank hineinspazieren, den Revolver zeigen oder auch nur so tun, als sei er bewaffnet, die Kasse ausräumen und seelenruhig davonfahren. Keine markierten Banknoten, kaum Computer, keine Handys, nachdem die Alarmanlage betätigt ist, dauert es seine Zeit, bis die Polizei erscheint. Und die Bankmanager standen damals einfach im Foyer herum, wenn ein Räuber hereinschlenderte, folgten sie ihm fromm und rafften schnell die Barreserven zusammen.

Robert Redford ist in „Ein Gauner & Gentleman“ von David Lowery zum letzten Mal als Schauspieler zu erleben. Angeblich. In einem Interview meinte er, der sich nun seiner ursprünglichen Passion, der Malerei, widmen will, dass er als Produzent und Regisseur weiterhin tätig sein werde. Und was die Schauspielerei angeht: „Sag niemals nie.“ So der Star, der mit seinen 82 Jahren noch immer als Frauenschwarm durchgeht.

Hier erobert er Jewel, die mit rauchendem Kühler an der Autobahn gestrandet ist, während er im Oldtimer vorbeifährt. Die Beute hat Forrest (Redford) in einer ledernen Aktentasche neben sich am Sitz liegen, Jewel (bezaubernd: Sissy Spacek) geht mit ihm Kaffee trinken. Die zwei Individualisten, für die sich das Wort rüstig ausdrücklich verbietet, finden einander sehr sympathisch und führen so schlagfertige Dialoge wie sie bei Anbahnungen im Leben selten gelingen, wobei der Witz in der englischen Originalfassung natürlich am besten rüberkommt.

Man möchte ihnen stundenlang lauschen. Aber leider geht die Geschichte weiter, und der 16-mm-Film (Oh! Nostalgie!) bietet wenig Überraschungen. Der an Hemingway erinnernde forsche englische Titel „The Old man & the gun“ wird von der Handlung nicht eingelöst. Der Streifen ist allerdings ein angenehmer Kontrast zu den immer rasanter und lauter werdenden Blockbustern, diese Art Kino wird Fans des Gemütlichen erfreuen. Man kann sein Popcorn verzehren ohne Angst vor Herzinfarkt oder Hörsturz.

Toll ist die Besetzung: Redford, der sich öfter über Hollywoods Schönheitskult und die damit verbundene Schnipselei mokiert hat, zeigt seine Lachfalten, sein Understatement ist immer noch unwiderstehlich. Sissy Spacek, das Exorzismus-Girl der Siebziger, war zuletzt u. a. auf Netflix in „Bloodline“ zu sehen, der Saga einer von Konflikten zerrissenen Hoteliersfamilie auf den Florida Keys. In „Ein Gauner & Gentleman“ gibt sie die gleichermaßen patente wie melancholische Besitzerin eines Pferdehofs.

 

Tom Waits, Oscar-Preisträger C. Affleck

Forrest und Jewel plaudern auf der Veranda über verflossene Gefährten. Der Film ist voll mit Zitaten aus früheren Redford-Arbeiten, darunter „Der Pferdeflüsterer“, am Schluss kommen sie sogar geballt. Tom Waits (!) und Danny Glover spielen Forrests Kumpane. Casey Affleck, Bens Bruder, immerhin Oscar-Preisträger („Manchester by the Sea“), hier aber unauffällig, gibt den geläufigen Typus des Polizisten, der mit dem Delinquenten sympathisiert. Der Cop steht einer amerikanischen Bilderbuchfamilie vor, was ihn nicht abhält, seine Kinder zu Tatorten mitzunehmen. Sonderbar ist hier vieles, aber vielleicht ist einiges ja surreal gemeint.

Redford, der nie wie ein Gangster aussah, spielte öfter Gaunerrollen. Der Clou bleibt „Der Clou“, ein Klassiker. Redford wirkt wie ein Künstler, bei dem sich die Binsenweisheit aufdrängt, dass die Jahre spurlos an ihm vorbeigegangen sind.

Diese Eigenheit teilt er mit Meryl Streep. Diese zwei Stars wirken einfach wie unzerstörbare Persönlichkeiten. Doch auch in seinen späten Jahren hat Redford in Filmen beeindruckt, die weniger schematisch und „aufgelegt“ wirken als „Ein Gauner & Gentleman“. In seiner Hymne auf die „Feel-Good-Krimi-Eskapade“ – in der freilich allerhand zum Gähnen ist – erinnert der „Guardian“ an „All Is Lost“ von J. C. Chandor aus dem Jahr 2013: Redford, mit einem Einhandsegler unterwegs, wird von einem im Meer treibenden Container gerammt, eine Zeit lang kämpft er mit der Gelassenheit des Seemannes und mit allen Mitteln, dann wird ihm klar, dass er in Lebensgefahr ist.

„All Is Lost“ verbindet Ökologie mit Fragen nach den letzten Dingen. Klar, aufmunternd ist das nicht, aber substanzreicher als „Ein Gauner & Gentleman“, in dem ein beliebter Oldie vielleicht zu sehr tun und lassen konnte, was ihm Spaß machte. Heraus kam ein netter Roadtrip ins Filmmuseum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2019)