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„Free Solo“: Hoch leben die Lebensmüden

Vollkommen ungesichert klettert der Kalifornier Alex Honnold regelmäßig gigantische Felswände empor.
Vollkommen ungesichert klettert der Kalifornier Alex Honnold regelmäßig gigantische Felswände empor.obs/National Geographic
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Kritik Das prachtvolle Doku-Bergdrama „Free Solo“ zeigt Extremkletterer als Märtyrer, die ein Todesrisiko für gute Bilder tapfer in Kauf nehmen.

Trotz aller berechtigter Bewunderung für Menschen, die zur Erreichung ekstatischer Gefühlszustände selbst die größten Gefahren nicht scheuen, kommt einem der charmante junge Mann aus „Free Solo“ (jetzt im Kino) nicht bloß unerschrocken, sondern lebensmüde vor. Vollkommen ungesichert klettert der Kalifornier Alex Honnold regelmäßig gigantische Felswände empor. Seine Bezwingung der Granitwand El Capitan im Yosemite Valley begleiteten die beiden Regisseure Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi filmisch und wurden dafür heuer mit dem Oscar ausgezeichnet. Für sie ist Hannold kein Wahnsinniger, sondern ein Held.

Zu einer (selbst-)kritischen Einschätzung der Medien, die das Verlangen nach Aufmerksamkeit für halsbrecherische Auftritte mittragen, gelangen die Regisseure in ihrem Doku-Bergdrama dabei nie – obwohl sie den eigenen Drehprozess teilweise mitdokumentieren. Wie sich ihre Aufnahmen in präziser Abstimmung mit den Griffen, Drehungen und Tritten des Todestänzers vollziehen, ist beeindruckend. Aber der produktionstechnische Kraftakt, der die ausgeklügelte Choreografie möglich macht, bestätigt auch zwangsläufig das passionierte Höchstleistungsstreben des Porträtierten. Zu psychologischen Erklärungsansätzen für die Höhenmanie seines Helden dringt „Free Solo“ nie vor, stattdessen mogelt er sie zum Idealismus um.

 

Das soll auch noch rational anmuten

Die „Free Solo“-Branche lebt auch vom ökonomischen Zwang ihrer Anhänger, spektakuläre Bilder abliefern zu müssen, die ihnen mehr Geld einbringen, als es ohne in Kauf genommenes Todesrisiko jemals möglich wäre. Die vielen Einblendungen von früh gefallenen Legenden des Extremsports wirken wie Reminiszenzen auf tapfere Märtyrer des American Dream; in den Kommentaren des Protagonisten klingt zugleich nie das Pathos von Transzendenz und Erhabenheit durch, sondern eher eine esoterisch eingefärbte Selbstoptimierungsideologie. Die irrationale Motivation hinter aller Mühe soll rational anmuten – sonderbar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2019)