Die Initiative Teach for Austria will ab Herbst Akademiker in Wiener Kindergärten schicken. Sprachförderung und Elternarbeit sind zentral. Auch Männer sollen motiviert werden.
Wien. Im Schulsystem sind sie teilweise schon so etwas wie ein Fixpunkt: 250 junge Akademiker hat Teach for Austria in den vergangenen sieben Jahren als Lehrer an 70 heimische Brennpunktschulen gebracht. Jetzt wird die Bildungsinitiative auf den Kindergarten ausgeweitet: Mit Herbst sollen vorerst zwölf Akademiker in Wien als Kindergartenpädagogen starten.
„Wir haben gesehen, dass es wichtig ist, mit unserer Arbeit noch früher anzusetzen“, heißt es von der Initiative. Mit zehn Jahren sei die Kluft schon gewaltig: Kinder aus wenig gebildeten Familien liegen teilweise drei Jahre hinter Akademikerkindern zurück. Die Basis für einen erfolgreichen Bildungsweg werde lang vor der Schule gelegt. Und man wisse aus Studien, dass es (auch volkswirtschaftlich) umso mehr bringe, je früher man in Bildung investiere.
Das Prinzip von Teach for Austria bleibt im Großen und Ganzen gleich – nur eben adaptiert für die Arbeit mit Drei- bis Sechsjährigen statt mit Jugendlichen. Die Quereinsteiger werden für zwei Jahre in Kindergärten geschickt, davor bekommen sie eine kurze pädagogische Grundausbildung mit fünf Wochen Onlinecampus und sechs Wochen Sommerakademie. In den zwei Jahren, in denen sie dann in den Kindergärten sind, werden sie im Rahmen eines Leadership-Programms von Trainern begleitet.
Die Quereinsteiger sollen innerhalb der zwei Jahre auch eigenverantwortlich eine Gruppe führen können – so wie auch manche in der Schule rasch Klassenvorstand werden. Inhaltliche Schwerpunkte sind Elternarbeit und Sprachförderung. „Es geht darum, einen Beitrag zu leisen, dass jedes Kind gut in die Schule starten kann“, sagt die Programmleiterin Karin Benoni. Besonders bei der Elternarbeit sieht sie viel Potenzial.
Fokus: Benachteiligte Kinder
Wie bei den Schulen – die Teach-for-Austria-Lehrer unterrichten etwa in Mittelschulen in Favoriten oder in der Brigittenau – liegt auch beim Kindergarten der Fokus auf den besonders benachteiligten Kindern. Wo die entsprechenden Kindergärten genau sein werden, ist noch offen: Es wird sich um sechs bis acht Standorte in ein bis zwei Wiener Bezirken handeln, im Gespräch ist man derzeit mit städtischen wie mit privaten.
Das Gehalt der neuen Quereinsteiger, das von den jeweiligen Kindergartenträgern gezahlt wird – Teach for Austria kommt für Rekrutierung, Training und Begleitung auf –, dürfte knapp unter dem einer voll ausgebildeten Kindergartenpädagogin liegen. Was die vertraglichen Details angeht, ist man noch mit Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) im Gespräch.
Wer sich für zwei Jahre im Kindergarten interessiert, muss wie für die Schule ein rigoroses Aufnahmeverfahren durchlaufen. Die Initiative hofft darauf, dass sich bis Mai rund 150 Personen bewerben. Dabei ist auch Diversität wichtig. Nicht nur bei den Fachrichtungen, sondern – in Kindergärten ein besonders großes Thema – auch bei den Geschlechtern. „Wir glauben, dass wir mehr Männer ins System holen können“, sagt Benoni.
Die Erfahrung, dass man junge Absolventen für Jobs mit durchaus schwierigem Ruf begeistern kann, habe man schon bei den Brennpunktschulen gemacht. „Viele wollen weg von Tabellen und Laptop hin zu etwas, bei dem man das Gefühl hat, man kann etwas bewegen“, sagt Benoni. „Das Beitragen-Können spricht die Leute an – das war im Schulbereich so, das wird auch im Kindergarten so sein.“
Langfristig auch in Volksschule
Die Lücke, die bei Teach for Austria jetzt zwischen Kindergarten und Mittelschule bzw. Polytechnischen Schulen besteht, soll in absehbarer Zeit übrigens geschlossen werden: Langfristig will die Initiative auch im Volksschulbereich tätig werden.
AUF EINEN BLICK
Teach for Austria ist eine gemeinnützige Bildungsinitiative. 2012 wurde sie nach dem US-amerikanischen Vorbild Teach for America gegründet. Teach for Austria hat seitdem mehr als 250 Akademiker als Lehrer an Brennpunktschulen geschickt. Die Initiative ist in Wien, Oberösterreich und Niederösterreich aktiv, 2020 startet sie in der Steiermark. Ab Herbst geht Teach for Austria in Wien auch in die Kindergärten. Bewerbungen sind bis Mitte Mai möglich. Infos: teachforaustria.at.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2019)