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Der Dichter, der für die Architektur lebte

Friedrich Achleitner 2010
Friedrich Achleitner 2010Bruckberger / Die Presse
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Nachruf. Für die „Presse“ erfand er in den 1960ern die Architekturkritik neu. Friedrich Achleitner: Publizist, Poet, Architekturenzyklopädist – zum Tod einer Instanz des heimischen Geisteslebens.

Alles begann im Herbst 1945, in einem Klassenzimmer der Salzburger Gewerbeschule. In der zweiten Reihe: Friedrich Kurrent. In der vierten: Johann Georg Gsteu, Wilhelm Holzbauer, Hans Puchhammer – und Friedrich Achleitner. Vier spätere Architekten, die wie wenige andere die heimische Nachkriegsarchitektur über Jahrzehnte auf ihre je eigene Weise bestimmen werden – und einer, der, ohne es auch nur im Mindesten ahnen zu können, quasi dazu bestimmt ist, zum Chronisten dieser Architektur zu werden. Ohne den Achleitner wird das Schreiben und Denken über Architektur wenig später hierzulande nicht mehr vorstellbar sein. Ohne den Achleitner gäb's zwar noch immer Architektur, aber nicht einmal halb so viel Verständnis dafür.

Gestern, Mittwoch, ist Friedrich Achleitner im 89. Lebensjahr in Wien gestorben. Eine zentrale Instanz des heimischen Geisteslebens ist tot: und zwar eine, die in ihrem Schaffen weit über ihren eigentlichen Fachkreis hinausgewirkt hat und bis weit in die Zukunft hinauswirken wird.

Es ist nämlich keineswegs die Architektur, mit der sich der junge Mann aus dem Innviertler Dorf Schalchen seine ersten Lorbeeren erwirbt, es ist die Literatur: Ein Architekturdiplom der Akademie der bildenden Künste in der Tasche, wendet sich Achleitner, nach einem kurzen Zwischenspiel als freier Architekt an der Seite seines Salzburger Ex-Klassenkollegen Johann Georg Gsteu, auffallend umgehend der Dichtkunst zu, namentlich der modern dialektalen, wie sie in jenen End-1950er-Tagen gleichsam in der Wiener Luft liegt. 1959 erscheint, gemeinsam verfasst von Achleitner, H. C. Artmann und Gerhard Rühm, der Band „hosn rosn baa“, ein Jahr später folgt konkrete Poesie unter dem Titel „schwer schwarz“. Mit dem „quadratroman“ schließlich wird Achleitner 1973 zu einem Fixpunkt hiesiger Nachkriegsliteraturgeschichte.

Vom Kritiker zum Dokumentaristen

In dieser Zeit freilich hat er längst wieder zu seinen Ausbildungsursprüngen zurückgefunden: freilich nicht als aktiv Gestaltender, sondern als kritische Instanz. 1962 erfindet Achleitner für „Die Presse“ die Architekturkritik neu. „Chefredakteur Otto Schulmeister war großzügig und musste sich viel anhören, weil sich damalige Platzhirsche ständig beschwert haben“, wird sich Achleitner Jahrzehnte später erinnern. Und: „Der Innsbrucker Bürgermeister hat alle Inserate gecancelt, weil ich kritisch über das Olympische Dorf geschrieben habe.“ Wie fundiert seine Urteile gewesen seien, das könne er heute jedoch nicht mehr sagen: „Ich war einfach goschert.“

Der heimischen Szene scheint's nicht geschadet zu haben. 1972 allerdings ist damit Schluss. Der Grund: „Das Damoklesschwert, jeden Donnerstag etwas liefern zu müssen. Nach den zehn Jahren ,Presse‘ war ich total ausgepowert.“ Achleitner bleibt bei der Architektur und auf Distanz von ihr – und wechselt doch die Seiten: vom Architekturkritiker zum Architekturdokumentaristen. Ein Wandel der Perspektive. Nicht, dass man Fehler suche als Architekturkritiker, erläutert er später, aber: „Man schaut kritisch, was falsch war. Sobald man einen Architekturführer macht, schaut man, was positiv ist, was man auswählen kann. Das ist eine andere Blickweise.“

1980 erscheint bei Residenz der erste Band seiner Dokumentation „Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert“, Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg umfassend. Bis 2010 schließen sich Bände über weitere Bundesländer an – Niederösterreich bleibt ausgespart. „Da müsst ich 100 werden“, so sein knapper Kommentar.

Unvollendetes Lebenswerk

Friedrich Achleitners Lebenswerk – fast zwangsläufig unvollendet: Was hier an Wissen und Können, an Einfühlungsvermögen und Sachverstand und ja, an enzyklopädischem Mut aufgewendet ist, solches auf ganz Österreich auszubreiten, dafür reicht ein einziges Menschenleben einfach nicht aus. Nicht umsonst ist „Der Achleitner“ heute der Maßstab, an dem Bedeutung und nicht zuletzt Erhaltungswert heimischer Architektur gemessen wird. Und nicht nur als Publizist, auch als jahrelanger Vorstand einer Lehrkanzel für Geschichte und Theorie der Architektur an der Universität für angewandte Kunst prägt Achleitner ganze Architektengenerationen.

Kritiker, Lehrender, Enzyklopädist: Auch wenn Achleitners letzte Lebensjahre wieder so gut wie ausschließlich der Literatur (alles bei Zsolnay verlegt) gewidmet sind, seine eigentliche Bestimmung hat er doch stets in der Architektur gesucht und – gefunden. Er möge die Architekten, bekannte er, da war sein 80. Geburtstag zu feiern. „Sie üben einen Selbstausbeuterberuf aus und werden nie zu ihrem Wert gehandelt. Auf Wienerisch gesagt, ist es wirklich eine Scheißhackn.“

Friedrich Achleitners Vermächtnis ist dem Architekturzentrum Wien anvertraut: Österreichs Architektur des 20. Jahrhunderts, archiviert in 25.000 Karteikarten, 70.000 Fotonegativen, 250 Begehungsplänen. Friedrich Achleitner: der Dichter, der für die Architektur lebte. Welch ein Glück für uns, für die Architektur und für alle, die da noch kommen werden.


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