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„Willkommen in Marwen“: Die bunten Hirngespinste des Robert Zemeckis

Der siegreiche Captain Hogie im Kreise seiner Barbie-Infanteristinnen.
Der siegreiche Captain Hogie im Kreise seiner Barbie-Infanteristinnen.(c) Universal Pictures

KritikIn seinem jüngsten Film, „Willkommen in Marwen“, erzählt der „Zurück in die Zukunft“-Regisseur die Geschichte eines traumatisierten Künstlers als eigentümliches Fantasydrama. Und hinterfragt dabei sein eigenes Werk.

Der G. I. trägt Stöckelschuh. Schwarz-weiße Pumps mit Trichterabsatz, um genau zu sein. Als er aus dem hohen Gras tritt, trauen seine deutschen Widersacher ihren Augen nicht. Schon regnet es Schläge auf das „schmutzige amerikanische Schwein“. Doch Rettung naht! MG-Salven durchzucken die Luft, die Nazis kippen um wie Spielzeug. Fünf kecke Barbie-Infanteristinnen sind gekommen, um ihrem tapferen Anführer Beistand zu leisten. Ein weiterer Sieg für Captain Hogie!

Ein Spiel. Eine Kinderfantasie, gesponnen aus zusammenhanglosen Pop-Versatzstücken, in Szene gesetzt mit Barbiepuppen und Actionfiguren. Doch der hier spielt, hat die Vierzig schon längst überschritten. Mark Hogancamp (Steve Carell) ist ein schrulliger, schüchterner Typ, der liebenswerte Sonderling einer verschlafenen US-Kleinstadt. In Marwen, dem belgischen Dorf seiner Träume, macht er als heldenhafter Weltkriegsoffizier fiesen „Krauts“ die Hölle heiß – und feiert nach jedem Kampf mit seiner ergebenen Damenbrigade.

 

Inspiriert von einer Dokumentation

„Willkommen in Marwen“, der neue Film von Robert Zemeckis, nimmt Hogancamps Einbildungen ernst. Inspiriert wurde das eigenartige Drama von der Doku „Marwencol“ (2010), einem Porträt des echten Mark Hogancamp und seiner bemerkenswerten Außenseiterkunst. Doch Zemeckis geht es nicht nur um die Würdigung eines ungewöhnlichen Menschen. Er sieht seine Hauptfigur als vielschichtiges Sinnbild, das einiges über Schaffensdrang und Eskapismus, Trauma und Identität erzählt.

Denn Mark ist natürlich auch eine Art Regisseur. Er justiert Posen, entwirft Kostüme und knipst Fotos, um seine Geschichten zu verewigen. Im Film erwachen sie als mitreißende Actionsequenzen zum Leben – wie schon in Zemeckis wegweisenden Animationswerken („Beowulf“, „Der Polarexpress“) mithilfe bewegungserfassender Technologien. Dass solche Effekte oft künstlich wirken, stört diesmal nicht, immerhin handelt es sich bei den Protagonisten ja um Plastikmännchen. Wenn ein Soldat in Marwen auf eine steinerne Spitze stürzt, bricht er einfach auseinander.

Doch was befeuert Marks Kopfabenteuer, die immer auch zutiefst Persönliches – etwa seinen Stöckelschuhfetisch – durchscheinen lassen? Wie sich herauskristallisiert, wurde er einst Opfer einer hasserfüllten Gewalttat, die ihn geistig eingeschränkt zurückließ. Seine Fantasiewelt bietet ihm die Möglichkeit, sich inneren Dämonen zu stellen. Je näher die Geister der Vergangenheit rücken, desto düsterer und intimer geraten Captain Hogies Eskapaden. Dann holt Mark die grünhaarige Hexenpuppe Deja (Diane Kruger) aus dem Haustabernakel, die als Todesgöttin seine Urängste verkörpert.

Die sexistische Dimension von Marwen verbrämt der Film nicht, auch wenn Marks nahezu kindliche Naivität sie dämpft. Hogies Harem (wo das Unzüchtige immer unterschwellig bleibt) fußt auf den Frauen, die sein Alter Ego im Alltag umgeben (gespielt von Leslie Mann, Merritt Wever, Janelle Monáe, Eiza González und Gwendoline Christie) – und das ist diesen bewusst. Probleme gibt es nur, wenn die Idealisierung mit der Wirklichkeit zusammenkracht (wie in einer der schmerzlichsten Szenen des Films).

Fast scheint es, als würde Zemeckis hier (wie Fellini in „Achteinhalb“) Selbstkritik üben und seine größten Hits hinterfragen: die Unbeschwertheit der Popcorn-Aventüren aus „Zurück in die Zukunft“ (dessen kultige DeLorean-Zeitmaschine hier sogar einen Gastauftritt hat), den Typus des heiligen Narren aus „Forrest Gump“. Letzteren gibt Carell hier in einer viel komplexeren Variante, als gequälter Kauz, der mit seinen eigenen Widersprüchen ins Reine kommen muss. Im Unterschied zu Carells ähnlich verschrobener Figur aus „The 40 Year-Old Virgin“ muss er seine Marotten aber nicht abschütteln, um dazuzulernen.

 

Karikatureske Überzeichnung

Gewisse Narrenfreiheit scheint im Übrigen auch Zemeckis selbst zu genießen. Er ist kein Hollywood-Doyen wie sein Mentor Steven Spielberg, aber doch ein respektierter Veteran, und so dreht er unbeirrt Filme, die dem Zeitgeist zuwiderlaufen – und hinter deren Hang zu karikaturesker Überzeichnung und aufdringlicher Sentimentalität sich immer deutlicher ein bitter-melancholischer Kern offenbart, sei es nun in einem 3-D-Spektakel wie „The Walk“ (2015) oder in einem Retro-Melodram wie „Allied“ (2016).

Dem Massenpublikum mundet das schon lange nicht mehr: Zemeckis' jüngste Arbeiten waren allesamt Kassenflops, daran wird auch „Willkommen in Marwen“ nichts ändern. Dennoch darf man hoffen, dass der mittlerweile 66-Jährige sich nicht von seinen Hirngespinsten abbringen lässt. Im glatt gebügelten Multiplex-Kontext der Gegenwart mutet ihre ungehemmte Spleenigkeit nämlich erfrischend an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2019)