Lokalaugenschein: „Der soll Terrorist sein?“

Schichtwechsel: Dreierteams von Polizisten kontrollieren seit Montag jeden, der durch diese Tür will.
Schichtwechsel: Dreierteams von Polizisten kontrollieren seit Montag jeden, der durch diese Tür will.(c) Stanislav Kogiku

Nach der Razzia ist im Simmeringer Gemeindebau wenig wie zuvor. Dass hier ein Terrorist gelebt haben soll, wollen viele kaum glauben – er habe doch so freundlich gegrüßt!

Wien. Wie lebt man neben einem Terrorverdächtigen? Neben einem, der gestanden hat, an Attentaten auf Züge beteiligt gewesen zu sein, der Menschen töten wollte? Seit Montag, seit der Razzia, ist hier, im Gemeindebau in der Simmeringer Pantucekgasse, weit im Süden der Stadt, nahe dem Zentralfriedhof, wenig wie zuvor. Reporter durchkämmen die Anlage, Polizisten stehen vor der Tür zu jener Stiege, in der der Mann mit seiner Familie gewohnt hat.

Das Böse findet man hier nicht. Das zeigt sich im Gemeindebau – so, wie sich nach Verbrechen deren Schauplätze stets banal unschuldig zeigen. Auch die Aussagen der Nachbarn ähneln dem, was man nach Morden, Terror, Gewalt und Gräuel aller Art zunächst einmal hört: Der, ein Täter? Er hat doch so freundlich gegrüßt!

Freundlich schaut auch der Balkon aus, auf den die Kameraleute nun ihre Linsen halten: Eine Lampionkette in bunten Pastellfarben, ein Netz, das vielleicht montiert wurde, um Katzen vor dem Hinunterspringen zu bewahren, und Tierkäfige sieht man. Der Mann, der hier laut Nachbarn gewohnt hat, ist in Haft. Die Frau und die fünf Kinder seien weg, sagen die Nachbarn. Die Tür war nach der Razzia versiegelt – Informationen dazu, was mit der Familie ist, gibt es keine. Ins Haus kommt niemand, der sich nicht vor den Beamten, die hinter der Tür Wache stehen, als Bewohner ausweisen kann.

Wie war der Nachbar? „So nette Leute. Eine ruhige Familie“, sagt Beatrix Wallner. Sie, eine gepflegte rothaarige Frau, Pensionistin, mit einem winzigen Hund an der Leine, den sie „Leibwächter“ nennt, erzählt, vor drei Tagen sei der Iraker noch mit seinen Kindern auf dem Spielplatz gewesen. „Ich wohne gegenüber, mit Balkon zum Hof. Das war eine ruhige Familie, liebe Kinder, schön angezogen.“
Nette Leute, nichts gedacht, freundlich gegrüßt – was man hier hört, klingt ähnlich. Misstrauen, die Stimmen, jemand sei seltsam gewesen, kommen meist später.

„Der soll Terrorist sein? Ich kann mir das nicht vorstellen“, sagt ein junger Kerl in Jogginghosen, der schnell weitergeht: „Ich bin im Krankenstand, filmt's mich nicht“, sagt er, grinst. Sein Begleiter – 15 Jahre, Muhammed-Ali-Sweater, Kurzhaarschnitt mit rasierten Seiten – kommt von der Arbeit im Sandwich-Laden Subway, er ist gesprächiger. „Ich wohne zwei Stockwerke unter ihm, er ist so nett, ich habe oft mit ihm geplaudert, seit er vor einem halben Jahr eingezogen ist.“ „Er war Security, er hat oft von der Arbeit erzählt – dass er müde ist, solche Sachen“, sagt Alexander Stanojevic. „Vielleicht hatte er einen strengen Blick, aber das haben ja viele hier“, sagt er, der hier aufgewachsen ist. Sonst habe man wenig mitbekommen. Das erzählt ein weiterer Nachbar, ein 14-Jähriger, der im selben Stock wohnt und mit dem Sohn des Irakers zur Schule geht. „Er war nett, hat immer gegrüßt, die Mutter hat kaum geredet, ich glaube, außer Bitte und Danke kann sie kein Deutsch.“

„Schleicht's euch, Opfer, Oida!“

Ansonsten weiß man hier wenig, dafür kursieren viele Gerüchte. Ein Mann spricht noch vom Leichenwagen, der während der Razzia dagestanden sei, dass der Mann seine Kinder getötet habe. Dabei sind diese ersten Gerüchte widerlegt. Eine Gruppe Buben, türkische Herkunft, Volksschulalter, kreist eine Zeitlang ums Medientreiben im Hof. „Entschuldigen Sie, darf ich etwas fragen? Was hat der gemacht? Stimmt es, dass jetzt eine Bombe im Keller ist?“, fragt einer. Beschwichtigungen, keine Bombe, keine Gefahr, reichen einem anderen nicht. „Schau ich Facebook, was los ist“, sagt der Bub und nimmt ein Smartphone heraus.

Und, als ob man hier, in dem gepflegten Hof mit den blühenden Frühlingsblumen, wirklich kein Gemeindebauklischee auslassen will, öffnet einer im obersten Stock sein Fenster. „Schleicht's euch, ihr Opfer, Oida! Schande über euch!“ Ansonsten hält sich der Ärger über das plötzliche Interesse an dem abgelegenen Bau in Grenzen. Und die Angst? Angst habe niemand, sagen die, die man fragt. „Jetzt sowieso nicht mehr, jetzt ist er eh weg. Wie viele, die noch weg gehören“, sagt einer im Vorbeigehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2019)