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It's the emigration, stupid: Wo Viktor Orbán irrt

Ungarn hat ein Emigrationsproblem, keine von Soros gesteuerte Immigration.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Der ungarische Ministerpräsident ruft zur finalen Schlacht zur Rettung der ungarischen Seele und des Christentums. Ungarn sei gefährdet durch die Massenzuwanderung von Islamisten, gesteuert vom Spekulanten George Soros, unterstützt von den nützlichen Idioten an der EU-Spitze. Die Waffe der Todfeinde sei die Migration. Ungarn wurde nach dem Zweiten Weltkrieg betrogen, das Staatsgebiet sollte größer sein. Freunde besonderer Art sind die Russen, sie haben ja Ungarn so sehr geliebt, dass sie 1956 zur Rettung kamen. Leider hat Alois Mock den Eisernen Vorhang nur zerschnitten und nicht an die Südgrenze verlegt. Wenn es später gewesen wäre, hätte Donald Trump mit einer Mauer geholfen.

Wahr ist in vielen Punkten das Gegenteil. Ungarn ist nicht gefährdet durch Einwanderung, sondern durch fehlende Investitionen und Arbeitsplätze für junge Ungarn, die höhere Lebenseinkommen wollen. Viele Ungarn haben in den Fünfzigerjahren aus Angst vor dem Kommunismus ihr Land verlassen. Sie wurden in Österreich willkommen geheißen, weil ihre Vorfahren bei der Integration halfen, aber auch, weil Ungarn den Ruf hatten, fleißig, fröhlich und einfallsreich zu sein. Es war natürlich eine gefährliche „Umvolkung für Österreich“, statt reiner Germanen kam da ein fremdes Volk mit einer Sprache, die weder deutsch noch romanisch war, sondern „finnisch-ugrisch“. Das hätte die verblassende „deutsche“ oder die aufkeimende österreichische Identität stören können. Aber die Hilfsbereitschaft war größer, das Talent der Ungarn wurde erkannt, und die nationale Einheit Österreichs war nicht gefährdet.

Auch heute kommen Ungarn nach Österreich. Es ist „wirtschaftliche Migration“. Die Menschen wollen ein besseres Leben, mehr Geld für ihre Familien. Kellner und Bauarbeiter pendeln täglich oder wöchentlich. Sie helfen in Gastronomie, Bauwirtschaft, Fremdenverkehr und im burgenländischen Gesundheitstourismus.

Ungarn hat ein Emigrationsproblem, keine von Soros gesteuerte Immigration. Die EU prognostiziert, dass die Zahl der 20- bis 30-Jährigen in Ungarn von 1,6 Millionen auf eine Million im Jahr 2050 sinken wird. Bei diesem Trend gibt es keine neuen Betriebe, Schulen müssen schließen, die Universitäten verlieren an Qualität, falls sie nicht vertrieben werden (CEU). Ausländer aus dem Westen kommen nicht, Exilungarn kehren nicht zurück, Anträge bei Strukturfonds werden nicht gestellt oder für Korruption genutzt. 2018 haben nur 600 Personen den neuen Stacheldraht überwunden.

 

Wer sagt es ihm, dem Orbán?

Nicht jede Gemeinde kann und will Migranten als Strategie gegen die drohende Verödung aufnehmen. Aber jede sollte ein Konzept entwickeln, wie die Region 2050 ausschauen soll, welche Stärken sie entwickelt, mit Jobs und Zukunftsaussicht. Typisch für Populisten ist, nur zu sagen, was nicht sein soll, einen Auslandsfeind aufzubauen und sich die guten alten Zeiten mit einem homogenen, christlichen und größeren Ungarn zurückzuwünschen.

Zu Orbáns Entlastung: Dies stimmt nicht nur für Ungarn. Im Baltikum und in Südeuropa geht die junge Bevölkerung auch um die Hälfte zurück. Ebenso in zehn Bezirken in Österreich (vor allem Burgenland, Kärnten, Steiermark). Hier sind zukunftsgerichtete „Querdenkerkonzepte“ gefragt. Ein Ansatzpunkt ist die qualifizierte Migration. Und wenn die Region dazu zu wenig attraktiv ist, eine Qualifizierung der Integrationswilligen, die zunächst mit mittlerer Qualifikation kommen. Sicher falsch ist die Abschiebung von Lehrlingen.

Heterogenität ist ein Vorteil, wie wir dank der Exilungarn in Österreich wissen. Wer sagt das Orbán?

Karl Aiginger ist Direktor der Querdenkerplattform Wien-Europa und Professor an der WU Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2019)