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Plädoyer für den Arztberuf

Privat
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Interview. Michael Rösch (57) ist Facharzt für Orthopädie und operiert für Ärzte ohne Grenzen regelmäßig in Krisengebieten. Schlechte Arbeitsbedingungen sind für ihn relativ.

Die Presse: Es scheint, als schillert der Arztberuf nicht mehr wie früher. Man hört nur mehr von Problemen. Wie erleben Sie das?

Michael Rösch: Für mich schillert der Beruf wie vor 30 Jahren. Aber es hat sich viel verändert.

Was war das Gravierendste?

Abgesehen vom technischen Fortschritt sicher die Arbeitszeiten. Während meiner Ausbildungszeit – also in den Achtziger-, Neunzigerjahren – waren 60-Stunden-Wochen normal. Auch Wochenenddienste von Samstagfrüh bis Montagmittag. Wenn man Pech hatte, hatte man in der Nacht zwei Aufnahmen und eine Operation. Zum Schlafen kam da niemand. Wir haben uns jahrelang dafür eingesetzt, dass sich das ändert. Das kam mit dem EU-Beitritt. Das war eine dramatische Veränderung zum Guten.

Wie viele Wochenstunden arbeiten Sie jetzt?

30 Stunden im Herz-Jesu-Krankenhaus, dazu fünf bis sechs Stunden in meiner Ordination. Zusätzlich mache ich Vertretungen in Kassenordinationen. In Summe komme ich auf etwa 45 Stunden. In meinem Alter muss ich keine Nachtdienste mehr machen.

45 Wochenstunden sind nichts Ungewöhnliches. Warum schimpfen dann alle so?

Weil diese Kollegen die Neunzigerjahre nicht erlebt haben. Aber es gibt natürlich immer noch Spitalsärzte, die mehr arbeiten.

Was würden Sie am System verbessern?

Die Ausbildung. Wir können nicht die Arbeitszeit reduzieren, mehr Verwaltungsarbeit hineinpacken und gleichzeitig eine bessere Ausbildung der jungen Ärzte verlangen. Das System geht zwangsläufig auf Kosten der Ausbildung. Ich meine, es sollten die Ausbildner von anderen Pflichten entbunden und fair entlohnt werden. Das passiert meines Wissens in keinem Spital.

Sie haben auch die Verwaltungsarbeit angesprochen.

Der Dokumentationsaufwand hat sich vervielfacht. Das ist Zeit, die man nicht mehr mit dem Patienten verbringt, sondern am Computer und mit Papierkram.

Kommen wir zum Verdienst.

Das Problem liegt nicht in der absoluten Besoldung. Das aktuelle Honorierungssystem zwingt vor allem Ordinationsärzte zu einer Medizin, die sie nicht machen wollen. Wenn ich einen Patienten untersuche und dann mit ihm über seinen Befund spreche, dauert das 20 bis 25 Minuten. In derselben Zeit verdiene ich dreimal so viel, wenn ich drei Patienten einfach eine Spritze gebe. Die Zeit, die man mit dem Patienten verbringt, muss besser honoriert werden. Das ist es, was alle so unzufrieden macht.

Sie gehen regelmäßig mit Ärzte ohne Grenzen in Krisengebiete. Was macht das Erlebte in Ihnen?

Das ist unterschiedlich, je nach Kontext. Es ist etwas anderes, ob ich in einem Spital in Nigeria operiere oder in der Ukraine, während wir gerade beschossen werden. Dann geschieht zweierlei mit mir. Erstens, wenn ich nach so einem Einsatz zurückkomme und ein Patient hier sich lautstark ärgert, weil seine Narbe sechs Zentimeter lang ist statt vier: Dann frage ich mich für einen kurzen Moment, wo ich hier gelandet bin. Aber meistens tritt der gegenteilige Effekt ein, eine gewisse Bescheidenheit. Ich empfinde es als großes Privileg, einem Patienten hier eine Hüftprothese einsetzen zu können, mit der er zu über 90 Prozent die nächsten 15 Jahre schmerzfrei sein wird. Das ist die Vollendung des Arztberufs: Menschen heilen zu können. Bei Ärzte ohne Grenzen rette ich Menschenleben, als Orthopäde habe ich dort aber oft nicht die Möglichkeit, die Menschen wirklich zu heilen. Viele muss ich mit einer Behinderung zurücklassen.

Würden Sie jeden Arzt ins Ausland schicken, damit er den Vergleich bekommt?

Unbedingt. Es stimmt schon: Es gibt immer etwas zu jammern. Wir sollten uns aber dessen bewusst sein, dass wir auf sehr hohem Niveau jammern. Wer unzufrieden ist, muss nur einmal in ein öffentliches Spital ins Ausland gehen. Die nahe Nachbarschaft reicht schon. Das relativiert schnell die Vorstellung schlechter Arbeitsbedingungen.

 

Zur Person

Michael Rösch (57), gebürtiger Vorarlberger, ist Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie. Neben seiner Tätigkeit als Oberarzt im Herz-Jesu-Krankenhaus in Wien führt er eine Ordination, macht Vertretungen für Kassenordinationen und arbeitet für Ärzte ohne Grenzen in Krisen- und Entwicklungsgebieten.


[PBNKC]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2019)