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Kammerspiele: So zärtlich blickt das frühere Ich

Ein Frauenleben als Puzzle: Klug hat Alexandra Liedtke „Eine Frau – Mary Page Marlowe“ inszeniert.

In vierfacher Ausführung steht sie hier im Rampenlicht, diese Mary Page: als schüchternes Kind, als lebenshungrige Studentin, als gestresste Mutter mit grobem Alkoholproblem und als gereifte Seniorin. Der Pulitzer-prämierte Dramatiker Tracy Letts, bekannt für das auch verfilmte Stück „August: Osage Country“, setzt in „Eine Frau – Mary Page Marlowe“ Fragmente aus verschiedenen Lebensabschnitten zu einem einfühlsamen Porträt einer Getriebenen zusammen. Nach der Uraufführung 2016 in Chicago ist es nun erstmals in Österreich zu sehen.

Alexandra Liedtke hat es klug, feinfühlig und mit dem in den Kammerspielen beliebten Witz (Stichwort: Feinripp-Striptease) inszeniert. Sie lässt nicht zu, dass Mary ihre anderen Ichs aus den Augen verliert. Vier Darstellerinnen – Sandra Cervik, Babett Arens, Johanna Mahaffy und die 13-jährige Livia Ernst (bzw. Lilly Krainz) – spielen die Titelfigur, außerhalb ihrer jeweiligen Szenen begegnen sie sich in den flirrenden Zwischenwelten des Bühnenumbaus, tauschen zärtliche Blicke aus, springen füreinander in die Bresche und grübeln ihren neuen und alten Versionen nach: Wie sehr beeinflussen die vergangenen Ichs, wer wir sind, wie sehr tun es die Angst vor dem und die Hoffnung auf das, was wir werden könnten?

Sandra Cervik bebt und strahlt

Denn Angst und Hoffnung seien im Grunde fast das Gleiche, lernt die 19-jährige Mary Page von ihrer College-Freundin, die ihr am Bett die Karten legt. Was ihr nicht vorausgesagt wird: Die Familientragödie, die sie aus der Bahn werfen (und die Spannung des Stücks antreiben) wird, die Folgen, die ihr wiederholtes betrunkenes Autofahren bringen werden. Beglückend, wie die 63-jährige Mary Page mit ihrem dritten Mann „Dr. House“ schaut, die Funktion ihres DVD-Rekorders zu durchschauen versucht und dann einen Brief öffnet, der sie vor Freude weinen lässt. Beklemmend, wie sie als 44-Jährige vor Verzweiflung erstarrt, auf einen Anruf wartend, der vom Tod ihres Sohns künden könnte, und herauspresst: „Ich hätte mich für stärker gehalten.“

Sandra Cervik spielt unglaublich intensiv und präzise, sie bebt, brüllt heiser, strahlt – aber dies ist kein Stück, das emotionale Grenzwerte für ein bisschen Melodramatik ausschlachtet. Ohne eine einzige überflüssige Szene und abseits jeglicher Klischees zeichnet es das Bild einer Frau, die sich oft ausgeliefert fühlt, sich aber trotzdem lieben kann. In den meisten ihrer Versionen jedenfalls.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2019)