Poroschenkos Herausforderer geben sich siegessicher

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Blumensträuße für Julia Timoschenko, Wolodymyr Selenskij für „Leben ohne Korruption“, Petro Poroschenko im „Haus der Offiziere“: In der Ukraine hat ein spannungsgeladener Wahltag begonnen. Die große Frage heute: Wer schafft den Einzug in die Stichwahl?

Es ist eine eiserne Regel: Wo Julia Timoschenko auftaucht, da sind auch ihre Fans. Eine Gruppe junger Leute wartet mit selbstgemalten Plakaten am Sonntag auf die Politikerin. „Love Ju“ steht auf einem Poster. „Wir grüßen die zukünftige Präsidentin“ auf einem anderen. Auch Männer in Flecktarn haben in einer Reihe Aufstellung genommen, mit Tulpen und Rosen in Händen.

Es ist zehn Uhr morgens in Kiew. Die Präsidentschaftskandidatin wird in einem Wahllokal im Kiewer Bezirk Podil erwartet, wo sie ihre Stimme abgeben wird.

Auch Bulat, unter diesem Namen stellt sich der bärtige Mann mit dem weißen Rosenstrauß vor, ist ein Anhänger Timschenkos. Gemeinsam mit den Veteranen des 34. Bataillon will er der 58-Jährigen heute öffentlich seine Unterstützung versichern. „Sie hat uns im Jahr 2014 sehr geholfen“, erklärt er. Timoschenko habe damals dem Bataillon Ausrüstung gekauft. Die Männer, von denen einige am Donezker Flughafen gekämpft haben, sind heute Veteranen. Aber ihre Loyalität zu Timoschenko ist ungebrochen.

Großer Andrang der Reporter

Als die charismatische Politikerin schließlich in einer schwarzen Mercedes-Limousine eintrifft, müssen die Ex-Militärs warten. Zu groß ist der Andrang der Reporter, die Timoschenko – gekleidet im dezenten grauen Businesskostüm – ins Wahllokal folgen. Seite an Seite mit ihrem Ehemann Olexander geht sie in die Wahlkabine und wirft dann den ellenlangen Wahlzettel in die Urne. Sie bedankt sich vielmals bei ihren Unterstützern. Und gibt sich gewohnt kämpferisch: „Ich stimme für die Veränderungen, auf die alle warten!“ Veränderung, das war ihr Motto im Wahlkampf, in dem sie Präsident Petro Poroschenko frontal angegriffen hatte. Sie werde gewinnen, erklärt die Chefin der Vaterlandspartei. Versucht hat sie es schon mehrmals. Bisher ist sie gescheitert – 2010 gegen Viktor Janukowitsch. Und zuletzt 2014 gegen den derzeitigen Amtsinhaber Poroschenko.

Auch dieses Mal ist fraglich, ob Timoschenko in die Stichwahl am 21. April kommt
Auch dieses Mal ist fraglich, ob Timoschenko in die Stichwahl am 21. April kommtREUTERS

Auch dieses Mal ist fraglich, ob Timoschenko in die Stichwahl am 21. April kommt. In Umfragen landete die frühere Premierministerin zuletzt auf Platz drei. Insgesamt kämpfen am heutigen Sonntag 39 Kandidaten um das Präsidentenamt. Der Wahltag begann um acht Uhr Lokalzeit. Alle Wahllokale, auch im Konfliktgebiet im Osten der Ukraine, wurden geöffnet. Um 12 Uhr Ortszeit lag die Wahlbeteiligung bei 18,91 Prozent. Wahlberechtigt waren knapp 28 Millionen Menschen. Um 20 Uhr Lokalzeit (19 Uhr österreichischer Zeit) schließen die Wahllokale. Erste Exit-Polls werden kurz danach erwartet. Mit ersten Auszählungsergebnissen ist am späteren Abend zu rechnen.

Pensionistin für Poroschenko

Ljudmila Trofimowa, 68, hat ihre Entscheidung schon um halb neun Uhr früh getroffen. Sie stimmte für Amtsinhaber Petro Poroschenko und setzt damit auf Kontinuität. Er habe bereits Erfahrung gesammelt, begründet sie ihre Wahl. „Wenn jemand Neuer kommt, will er wieder alles neu erfinden.“ Poroschenko, dessen Image zuletzt durch Korruptionsskandale schwer angekratzt wurde, habe „viel erreicht“, sagt die offenherzige Frau und zählt ihre Argumente auf: Visumsfreie Einreise für Ukrainer in der EU, die Unabhängigkeit der ukrainischen orthodoxen Kirche und eine effizientere Bürokratie. Den klaren proeuropäsischen Weg des Landes unterstütze sie.

„Die Hilfe Europas ist wichtig für uns.“ Ein anderer Wähler äußerte sich hingegen negativ. Poroschenko habe zu wenig für den Aufschwung der Wirtschaft getan. Auch verkörpere der reiche Unternehmer selbst das oligarchische System und sei nicht bereit, dagegen anzukämpfen, sagte der 60-jährige Mann. „Außer die Visumsfreiheit hat er uns nichts gebracht.“

Amtsinhaber Poroschenko gab zu Mittag im „Haus der Offiziere“ nahe des Kiewer Parlaments seine Stimme ab - und wünschte sich und der Ukraine den Sieg.

Wolodymyr Selenskij wird in Umfragen auf Platz eins gesehen
Wolodymyr Selenskij wird in Umfragen auf Platz eins gesehenWahlstab Selenskij

Hauptherausforderer Woldoymyr Selenskij gab seine Stimme am späten Vormittag in einem Wohnbezirk im Norden der Hauptstadt ab. Der Andrang war auch dort groß. „Es beginnt ein Leben ohne Korruption“, versprach er.

Für Selenskijs Pressezentrum waren rund 450 Journalisten akkreditiert - insbesondere am Abend wurde hier großer Andrang erwartet. In dem geräumigen Cafe oberhalb des Dnipro-Ufers war alles in Grün eingefärbt, Tischtennistische, Snacks und Sitzkissen luden unter Popmusikklängen zum Verweilen ein. Auf TV-Schirmen lief die Wahlwerbung Selenskijs, zwei Moderatoren versuchten das am frühen Nachmittag noch spärliche Publikum vorhandene zu unterhalten.

Rabauke im roten Schal

Schon frühmorgens spazierte hingegen der nationalistische Rabauken-Politiker Oleh Ljaschko, mit rotem Schal und im dunklen Anzug, zu seinem Wahllokal im Kiewer Bezirk Petschersk. Chancen auf das Präsidentenamt hat er so gut wie keine. „Bei uns zu Hause herrscht Demokratie“, erklärte er gegenüber Reportern, gefragt zur Wahl seiner Ehefrau. „Natürlich habe ich für Ljaschko gestimmt“, sagte diese nach der Stimmabgabe.