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Die vielen Legenden um das Pensionssystem

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Arbeiterkammer und Gewerkschaften betonen immer wieder, dass das österreichische Pensionssystem sicher sei. Doch eine neue Erhebung des Thinktanks Agenda Austria kommt zu einem anderen Ergebnis.

Wien. In einem Punkt sind sich die Gewerkschaften und die Arbeiterkammer mit der türkis-blauen Regierung einig: Sie sehen bei den Pensionen keinen akuten Handlungsbedarf. Die Regierung hat angekündigt, dass sie in dieser Legislaturperiode keine Pensionsreform durchführen wird. Und die Arbeiterkammer meint, dass die oft beschworene Kostenexplosion bei den Pensionen in den nächsten Jahrzehnten ausbleiben wird. Doch dabei handelt es sich um einen Mythos, wie eine neue Erhebung des Thinktanks Agenda Austria zeigt. Der „Presse“ liegen die Zahlen der Agenda Austria vorab vor. Zunächst zur historischen Entwicklung: Derzeit gehen die Österreicher immer noch gleich früh in die Pension wie in den 1970er-Jahren. Im Jahr 1970 gingen Männer durchschnittlich mit 61,9 Jahren und Frauen mit 60,4 Jahren in Pension. Hier hat sich wenig geändert: 2017 lag das Pensionsantrittsalter bei Männern bei 61,1 Jahren und bei Frauen bei 59,2 Jahren.

Im gleichen Zeitraum ist aber die Lebenserwartung deutlich gestiegen: von 75,5 Jahren (1970) auf 82,5 bei Männern und von 78,9 Jahren auf 85,7 Jahren bei Frauen. „Wenn wir um sieben Jahre länger leben, aber noch gleich früh in Pension gehen wie in den 1970er-Jahren, dann hat das spürbare finanzielle Folgen“, sagt Wolfgang Nagl, Pensionsexperte der Agenda Austria. Es müsse immer mehr Geld aus dem Staatshaushalt in das Pensionssystem zugeschossen werden. So mussten 2018 rund 20 Milliarden Euro an Steuermitteln aufgewendet werden, um alle Pensionen (inklusive Beamtenpensionen) auszahlen zu können.

Problematik verschärft sich bis 2050

Hinzu kommt die demografische Herausforderung: Seit 1970 ist in Österreich die Zahl der Pensionsbezieher um eine Million gestiegen. Die Lage dürfte sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. Denn es gehen zunehmend geburtenstarke Jahrgänge der Babyboomer (geboren zwischen 1956 und 1969) in Pension. Laut Bevölkerungsprognose der Statistik Austria dürfte die Zahl der Menschen, die über 65 Jahre alt sind, bis 2050 um 61 Prozent steigen. „Da die Zahl der Menschen in dieser Altersgruppe stärker anwächst als der Rest der Bevölkerung, werden immer mehr Pensionisten von den Erwerbstätigen finanziert werden müssen“, sagt Agenda-Austria-Experte Nagl.

So kamen im Jahr 1970 durchschnittlich 2,05 Erwerbstätige auf einen Pensionsempfänger. 2017 mussten 1,70 Erwerbstätige einen Pensionisten finanzieren. 2050 dürften nur noch 1,15 Erwerbstätige auf einen Pensionisten kommen

Daher fordert die Agenda Austria, dass das gesetzliche Pensionsantrittsalter ab sofort jedes Jahr zumindest um zwei Monate angehoben wird, bis ein Antrittsalter von 67 Jahren erreicht ist. Zudem sollte das gesetzliche Pensionsantrittsalter von Frauen rascher von derzeit 60 auf 65 Jahren erhöht werden. Denn derzeit hat Österreich gemeinsam mit Polen bei Frauen das niedrigste Pensionsantrittsalter in der EU.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2019)