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Ja, die Schönheit: Wie Bob Dylan seine Songs zu lieben lernte

Bob Dylan (Archivbild).
Bob Dylan (Archivbild).(c) APA/AFP/GETTY IMAGES/FRAZER HARR
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Start der Europatournee. In Düsseldorf ging der 77-jährige Nobelpreisträger mit seinem Werk so behutsam wie schon lang nicht um.

Mit der Bahn vorbei an schäbigen Schrebergärten, in denen auf vielen Hütten neuerdings Flaggen – meist deutsche – hängen, über Straßen mit Namen wie Stahlstraße, Eisenstraße, Kruppstraße: So zum Konzert angereist, mit dem Bob Dylan den heurigen Europa-Abschnitt seiner Never Ending Tour begonnen hat, war man versucht, den Song „Scarlet Town“ (mit Zeilen wie „The street have names that you can't pronounce“) als Anspielung auf Düsseldorf zu verstehen. Unsinn. Dieses Lied über eine rostige Heimatstadt, in der alles nahe ist, auch das Ende, ist seit einiger Zeit wieder auf Dylans Setlist. Zu spanisch anmutender Begleitung singt er es intensiver denn je, fast jedes Wort nachdenklich betonend, bis zum Bekenntnis am Ende: „If love is a sin, then beauty is a crime, all things are beautiful in their time.“

Ja, die Schönheit. „The only beauty's ugly, man“, hatte Dylan 1963 (in den Liner Notes zu einem Album von Joan Baez!) erklärt: „The crackin' shakin' breakin' sounds are the only beauty I understand.“ Vor allem in den Nullerjahren irritierte es selbst Fans bisweilen, wie gnadenlos er gemeinhin als schön empfundene Melodien zerlegte. Und als er 2015 Frank-Sinatra-Songs in sein Programm aufnahm, war auffällig, um wie viel liebevoller er diese behandelte als seine eigenen. Nun bringt er nichts mehr aus dem Sinatra-Repertoire, aber man meint, Spuren zu hören: in der aufmerksamen Interpretation, die er nun seinem eigenen Werk gönnt. „Don't Think Twice It's All Right“ etwa, das er oft nur spöttisch ausgespien hat, singt er heute zum Weinen schön. „To Make You Feel My Love“ sowieso. Oder „When I Paint My Masterpiece“, wo er sogar statt „smooth like a rhapsody“ einfach „beautiful“ singt und das offenbar nicht ironisch meint. Die Band, zum Quartett geschrumpft, begleitet ihn mit rauer Sensibilität und lässt ihm auch am Klavier, das er von Jahr zu Jahr souveräner spielt, oft die erste Stimme.

 

„Like a Rolling Stone“, nachdenklich

Natürlich sind auch etliche Rumpler und Kracher dabei, „Highway 61 Revisited“ etwa, wo der Deal zwischen Gott und Abraham mit durchaus kehligen Lauten abgehandelt wird, „Early Roman Kings“ oder „Thunder on a Mountain“. „Gotta Serve Somebody“, ein Lied aus Dylans Zeit als fundamentalistischer Christ, hat an Frömmigkeit deutlich verloren. Über die Version von „Like a Rolling Stone“, in der am Ende jeder Strophe der Rhythmus ruht, lässt sich streiten – immerhin lässt sie auf interessante Weise offen, wie viel Galle noch in diesem längst zur Hymne avancierten Spottlied steckt.

Fast zu idyllisch – wenn auch mit einer vom Original weit entfernten Melodie – klang „Blowin' in the Wind“ zur Zugabe; wie um den Kitschverdacht sofort zu entkräften, folgte noch ein ungehobeltes „It Takes a Lot to Laugh, It Takes a Train to Cry“. Schließlich, ein ungewohnter Anblick, verbeugte sich Dylan vor dem begeisterten Publikum. Er wird doch nicht mit seinen 77 Jahren noch manierlich werden?

Live in Österreich: 16. und 17. April im Wiener Konzerthaus, 19. April in der Innsbrucker Olympiahalle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2019)