Wie sieht eine gebaute Schallwelle aus? Österreichs Expo-Pavillon setzt auf Special Effects in der Architektur, komplexe Berechnungen – und ein wenig aufs Image als Musiknation.
Die Expo in Shanghai ist noch nicht offiziell eröffnet, schon trägt der Österreich-Pavillon sprechende Namen. Da ist von einer Muschel die Rede. Oder von einem Ohr. Beides klingt nicht so entlegen, denn beides kommt der Absicht seiner Erfinder nahe: eine biomorphe Architektur auf Basis von Sound – generiert von einer komplexen Software und nicht auf klassischem Weg entwickelt. Und es passt zum Thema: „Sinne im Gleichklang“.
Eine Computersimulation, wie sich Schall in einem bestimmten Raum verhält, liegt dem Bau zugrunde, erklärt Matias del Campo vom Architektenduo SPAN; gemeinsam mit Zeytinoglu Architects hat man an der Planung gearbeitet. Schallwellen kennen kein Lineal, wie auch die Biologie keine Gerade kennt. So findet sich keine regelmäßige Form in dem über 2000m2 großen weiß-roten Pavillon. Auskragungen und Taschen, Wölbungen und Höhlungen lassen den zweistöckigen Bau innen wie außen so aussehen, als wäre er aus einem Guss, ein kontinuierlicher, fugenloser Raum, lebendig – wie Musik eben, eine „Symphonie“, meint Architekt Arkan Zeytinoglu. Und theoretisch gesehen ist der Austria-Pavillon das auch.
Schon lange beschäftigen sich Sandra Manninger und Matias del Campo (SPAN Architects) mit Topologie, einem recht jungen Bereich in der Mathematik. Sehr verkürzt beschrieben, hilft diese Disziplin dabei, komplexeste gekrümmte Formen beziehungsweise Räume zu berechnen, darzustellen und realisierbar zu machen. Durch topologische Berechnungen ergeben sich auch die sehnenartigen, muskelartigen Elemente in den Designentwürfen von SPAN. Nun sind ihre Ideen um Dimensionen gewachsen – nach Plänen für eine Rooftop-Bar in Frankfurt oder das Brancusi Museum in Paris – und erstmals große Architektur geworden.
Schimmernde Haut. Minutiös ist alles berechnet, was so biomorph aussieht. Del Campo erklärt: „Alle 50 Zentimeter wird ein Schnitt durch das Computermodell gelegt.“ Durch die Summe der Querschnitte könne man das Objekt in seiner ganzen Form erfassen und entsprechende Bauelemente anfertigen lassen. Damit besitzen die Faserplatten auf dem Stahlgerüst des Expo-Pavillons bereits genau die richtige Form, um darauf dann unzählige kleine Porzellansechsecke anzubringen. Sie wurden ebenfalls nach einem topologisch errechneten Plan verlegt: „Manuell hätten wir die Kurven und den Verlauf der weißen und roten Fliesen nie genau hingekriegt“, sagt Manninger. So aber glänzen tausende Teilchen homogen wie Haut.
Nicht alles wird der Software überlassen: Wie die Basisform aussieht, ist bewusste Entscheidung des Designers; an 100 ähnlichen Entwürfen habe man gearbeitet, bis für SPAN & Zeytinoglu das gültige 3-D-Modell zum Expo-Pavillon stand. Schließlich müsse jeder biomorphe Bau auch seine Funktionalität beweisen. Aber es erstaunt Manninger immer wieder, „dass gerade solche Kriterien die expressive Form oft befürworten“. Das macht computergenerierte Architektur für viele Anwendungsbereiche interessant.
„Schon früh sind Produktionstechniken aus dem Produkt- oder dem Flugzeugdesign in die Architektur transportiert worden.“ Weil aber derart komplexe Architektursoftware noch nicht so weit war, bedienten sich SPAN Programme, wie sie für Special Effects eingesetzt werden. „Ich will den Dinosaurier von ,Jurassic Park‘ zu Architektur machen – mehr oder weniger“, grinst del Campo. Ja vielleicht sei der Hang zu Science-Fiction, das „etwas Geekische“, so Manninger, auch das Typische an ihrer Arbeit. Da passt es gut ins Bild, dass auch elektronische Musik eine Rolle spielt, der Name SPAN ist ein Erbe aus der Zeit, als man eine Partyreihe verantwortete. Aber zurück zum Pavillon: Die Last des Anstellens in der Sommerhitze von Shanghai mildern SPAN & Zeytinoglu mit einer kühlen Idee: Aus den Röhren vor der Eingangsrampe wird Wassernebel gesprüht. Im Inneren taucht der Gast in raumfüllende Projektionen ein – interaktiv und akustisch. Es sind, so Zeytinoglu, „abstrahierte Landschaften“, die als sinnliche Erfahrungsräume „eine rhythmische Bewegung vom Naturraum zum kulturell verdichteten Stadtraum“ erzeugen.
Im Angesicht von Bergen erreicht der Besucher den höchsten Punkt im Pavillon, hier hat er Kontakt mit echtem Schnee. Er passiert den Wald, das Thema Wasser leitet über in städtische Zonen. Auf dem Weg liegt ein größerer Raum für Veranstaltungen, den Schluss bildet der Shop. Sowohl über eine Treppe im Pavillon als auch eine Freitreppe von außen gelangt man in das Restaurant hinauf, in einen großen Weißraum mit roten Farbtupfen. Hier oben gibt's auch einen VIP-Bereich und einen Schanigarten.
Tempo! In Summe dürfte der Besucher nicht viel mehr als ein paar Minuten durch den Österreich-Pavillon brauchen, sofern er nicht gastronomisch abbiegt. Das gibt der Expo-Rhythmus vor: anstellen, durch einen Pavillon schlendern, dann weiter zum nächsten Prozedere. 70Millionen Menschen werden auf der Expo erwartet. Ziel ist, den Pavillon als österreichisches Gesamterlebnis wahrzunehmen. Nur nicht den Besucher allzu viel überfrachten: Aus diesem Grund war in der Basiskonzeption schon von einer „didaktischen Wand“ die Rede, in deren Öffnungen sich Österreichs Themen und Unternehmen präsentieren. Sechs Monate Lebenszeit, mehr hat der Pavillon nicht. Dann wird er recycelt. Wobei: Ihn nachzubauen wäre keine Hexerei – das 3-D-Modell, bei dem jede Schraube sitzt, befindet sich schließlich auf den Computern der Architekten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2010)