Coney Island für ganz Brave: Entertainment-Spezialist Christian Mikunda analysiert zum Saisonauftakt den Prater. Drei zusätzliche Fahrgeschäfte bringt die Saison 2010: "Eisberg", "Octopus" und "Praterturm".
Nach zirka zehn Minuten ist es vorbei. Er hat alle zotteligen Eisbärenattrappen gesehen und gewissenhaft so viele blaue Lichtpunkte mit der Spielzeugkamera fotografiert wie möglich. Christian Mikunda nimmt seinen Aktenkoffer in die eine, den Mantel in die andere Hand und steigt aus dem Waggon. Ein letzter Blick auf die hellblau-weiße, würfelige Kulisse der „Eisberg“-Bahn. Das Lächeln ist höflich, aber ratlos: „Das entspricht punkto Thematisierung dem, was sich ein Fünfjähriger vor 35 Jahren erwartet hat. Ehrlich, ich wüsste nicht, wer damit fahren soll.“
Und wenn er es nicht weiß, ist das ein Problem. Als Entertainmenttheoretiker und -Berater ist Mikunda schließlich Vergnügungsparkprofi. Zum Saisonauftakt hat er für die „Presse am Sonntag“ den Prater abseits von Finanzdebakel, Architekturkritik und dräuender neuer Schlagzeilen wegen eines möglichen Strafprozesses auf das Wesentliche abgeklopft: das Unterhaltungskonzept. Dafür, empfiehlt er, solle man erst kurz die Augen schließen und sich vorstellen, wie der Wurstelprater an einem sonnigen Sonntagnachmittag von der Hauptallee aus klingen würde. „Was hören Sie?“ Musikbässe?„Ja. Und sonst?“ Schreie? Genau, sagt Mikunda, ganz genau.
Spitze Schreie und stumpfe Bässe sind nämlich das Erkennungszeichen eines „Lunaparks“. Anders als ein Themenpark, der nach fröhlicher Filmmelodie klingt und den man sich – frei nach Disney(land) – als einen begehbaren Kinderfilm vorstellen kann, ist ein Lunapark (wahrscheinlich benannt nach dem Vergnügungspark in Berlin anno 1909–1933) ein Ort der Angstlust und mehr für Erwachsene bzw. Heranwachsende gedacht. Im Mittelpunkt steht kein übergeordnetes Thema, sondern der reale Thrill, das Extreme – egal, ob beim Essen (scharf/fett/süß/salzig) oder auf der Achterbahn. „Es geht darum, in sicherem Rahmen die Kontrolle zu verlieren, die Furcht zu überwinden und daraus gestärkt hervorzugehen“, erklärt Mikunda. Er nennt das „Yes we can“-Inszenierungen. Prominente Lunaparks sind der Tivoli in Kopenhagen oder der Vergnügungspark auf Coney Island/New York, der Ende Mai neu durchstarten soll und auch Schauplatz des neuen Andrew Lloyd Webber Musicals „Love Never Dies“ ist.
International liege eine Renaissance der Lunaparks in der Luft, sagt Mikunda – „vielleicht, weil in der Krise Angstüberwindung ein Thema ist“. Wien wird allerdings an dem Trend kaum mitnaschen, will doch der Prater unter dem Motto „Wien um 1900“ ein Themenpark werden. „Der erste Fehler der Stadt war, sich von Anfang an auf das Themenparkkonzept festzulegen“, sagt Mikunda. Und der zweite? „Dass sie in der Fehlentscheidung nicht konsequent war.“ Denn Thematisierung funktioniert nur, wenn man sie ernst nimmt. Wie ernst, zeigt Disneyland: „Wenn Sie dort durchgehen, vergessen Sie, dass alles Fassade ist. Durch die Überfülle der Details bekommt man einen visuellen Schock, den es auch braucht, damit man in die Traumwelt eintauchen kann.“ Auf dem Pratervorplatz hingegen bleibt Beton Beton und Deko Deko. Und auch von einem einheitlichen „Drehbuch“, an das der französische Entwickler Emmanuel Mongon wohl ursprünglich gedacht hat, kann keine Rede sein. Oder wie passen Großraumdisco und Eiswelt zum verordneten Nostalgie-Motto? „Man versucht die Quadratur des Kreises“, sagt Mikunda, „ein Themenpark, der trotzdem wie ein Lunapark für alles offen ist.“ Die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen der Praterservice-GmbH und den Betreibern offenbaren sich für ihn auch im Detail: Wenn sich auf dem frisch sanierten Schweizerhausplatz Gokartbahn und Ponykarussell akustisch in die Quere kommen – lautes Hupen neben zarter Orgelmusik –, dann sei das „schlecht koordiniert“ und „unprofessionell“.
Zu brav. Wobei Mikunda ebendort, in der Mitte des Platzes, auch ein positives Praterbeispiel findet: Das 117Meter hohe Kettenkarussell „Praterturm“ (Eröffnung Anfang Mai) habe zumindest technisch einige „Wow-Effekte“ zu bieten. „Wenn wir, die unten stehen, uns denken: ,Ja, sind die wahnsinnig, die da fahren?‘, ist es gut.“ Früher, sagt Mikunda, seien Vergnügungsparks technologisch auf der Höhe der Zeit – ja sogar ihr voraus – gewesen: Auf Coney Island gab es Hochschaubahnen mit Waggons, die aufeinander zurasten, im Elysium in der Wiener Annagasse wurden im 19. Jh. Kontinente nachgestellt.
Hier und heute hingegen sei State of the Art die Ausnahme: Das 5-D-Erlebnis „Miraculum“ kommt in Zeiten von 3-D in „Avatar“-Qualität nicht einmal an das normale Kino heran, zumal Wasser-und-Luft-Spezialeffekte beim Besuch nicht funktionierten. Andererseits, kritisiert Mikunda, würden stimmige Attraktionen wie der Flugsimulator „Vienna Airlines“ kaum beworben. „Leider.“ Leid tut es ihm auch um den Prater an sich, denn der habe Potenzial. „Das 1900-Motto war zu brav, etwas, das typischerweise einem Nichtösterreicher einfällt“, sagt Mikunda, der zugibt, dass ihn das Projekt damals selbst gereizt hätte. In Wahrheit sei der Prater immer ein verruchter Ort gewesen, „das Vulgäre, bissl Gefährliche, auch Erotische gehören dazu“. Dazu passt, dass der Praterbesuch in Wien zur Firmung Tradition hat(te): „Fast ein Initiationsritus, nicht?“ Vergnügungsparks in anderen Ländern haben diese lebensbegleitende Funktion ausgebaut: Der Bogen reicht von Junggesellenabenden über Dinner-Shows bis zu Halloween-Specials – Entwicklungen, die Wien verschlafen hat.
Zu teuer? Die Herausforderung für den Prater, sagt Mikunda, liege darin, das ambivalent schillernde Grundgefühl mit professionellem Glamour zu inszenieren, es zu überhöhen. „Toll wäre, wenn sich Praterbetreiber mit Künstlern wie André Heller oder Erwin Wurm zusammentäten.“ Eine Kooperation mit den Ausstellungen wie den „Körperwelten“ – quasi als politisch korrekte Fortsetzung der früheren „Dame ohne Unterleib“-Shows – würde ebenso gut passen.
Klingt auch gut, aber teuer. Zu teuer für den Wurstelprater, der insgesamt von etwa 80 verschiedenen Unternehmern bespielt wird? „Dann muss man halt zusammenlegen“, sagt Mikunda nüchtern, „oder es kommt von außen einer und kauft auf.“ Die Praterbetreiber selbst hoffen lieber auf die neue Wirtschaftsuni als Nachbarn. Dass Studenten in den Vergnügungspark strömen, hält Mikunda für unwahrscheinlich. „Die gehen lieber in den grünen Prater.“ Und hören sich die Schreie aus der Ferne an.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2010)