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Globalisierungskritiker Ziegler: "Ohne Gewalt geht es sicher nicht"

Jean Ziegler konstatierte Österreich bei seinem Besuch in Wien gar die "wahrscheinlich lebendigste Demokratie dieses Kontinents".
Jean Ziegler konstatierte Österreich bei seinem Besuch in Wien gar die "wahrscheinlich lebendigste Demokratie dieses Kontinents".APA/HERBERT NEUBAUER

Der Kapitalismus müsse zerstört werden, bevor er die Menschen zerstöre, sagt der umstrittene Schweizer Soziologe Jean Ziegler. Und Leute wie Kanzler Sebastian Kurz seien auch "nichts für die Ewigkeit".

Der Soziologe Jean Ziegler, früher viele Jahre Abgeordneter der Sozialdemokraten im Schweizer Nationalrat und von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, hat in einem Interview mit der Austria Presse Agentur wieder einmal bemerkenswerte Äußerungen gemacht. So sagte er etwa, die Menschheit lebe "in der Weltdiktatur der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals", die Migrationspolitik der EU sei "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", und dass er die Gelbwestenbewegung in Frankreich trotz aller jüngsten Gewalteskalationen "großartig" finde.

Letzteres sei im Kampf gegen eine "kannibalische Weltordnung" eben hinzunehmen: "Ohne Gewalt geht es sicher nicht".

Der 84-jährige aus Thun (Kanton Bern) gebürtige Ziegler, einer der schärfsten Globalisierungskritiker und überzeugter Linker mit Neigung zum Rand, war dieser Tage in Wien. Dort hat er am Montag im Rathaus sein neues Buch "Was ist so schlimm am Kapitalismus?" (Verlag Bertelsmann, 128 Seiten, 15,50 Euro) vorgestellt; am Dienstag wurde ihm seitens der SPÖ bzw. des Karl-Renner-Institutes und des Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen die Otto-Bauer-Plakette für Verdienste im Kampf gegen Rechtsradikalismus und Faschismus verliehen (in jüngerer Vergangenheit hatten u. a. Norbert Darabos, Josef Ostermayer und NÖ-Landeshauptmann-Vize Franz Schnabl die Ehrung erhalten).

In seinem Buch will Ziegler, der lange Professor für Soziologie an der Universität Genf sowie Gastprofessor an der Sorbonne in Paris war, nach eigenen Angaben Fragen beantworten, wie sie Kinder, namentlich seine Enkel, stellen würden. Das Buch basiere auf Dialogen mit seinen Enkeln.

"Leben in der Weltdiktatur des Finanzkapitals"

Ziegler findet das aktuelle Phänomen der freitäglichen Klima-Demonstrationen von Kindern weltweit gut und hebt in seinem Buch hervor, dass das Kernproblem der meisten üblen Zustände in der Welt im Grunde der Kapitalismus sei, verkörpert durch die Konzerne. "Wir leben in der Weltdiktatur der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals", so Ziegler. Unternehmen hätten eine Macht, "wie es in der Geschichte der Menschheit nie ein Kaiser, nie ein König, nie ein Papst gehabt hat. Diese Oligarchien entschwinden jeder sozialen Kontrolle. Sie diktieren ihr Gesetz auch den stärksten Staaten der Welt."

Der Schweizer, der 2012 meinte, dass der "deutsche Faschismus sechs Jahre brauchte, um 56 Millionen Menschen umzubringen. Der Neoliberalismus schafft das locker in gut einem Jahr", wittert allerdings auch angesichts der Kinder-Klima-Demos ein gegenläufiges "Erwachen des Bewusstseins". Es forme sich zur Zeit "ein neues historisches Subjekt, die planetarische Zivilgesellschaft", eine "Myriade von großen und kleinen sozialen Bewegungen, die an verschiedensten Fronten gegen diese kannibalische Weltordnung kämpfen." Ein "revolutionärer Prozess", der freilich "absolut mysteriös" sei.

Erstarken der "dunklen Kräfte"

Umgekehrt gebe es in der gesellschaftlich-politischen Ebene aber auch ein "Erstarken der dunklen Kräfte". Die Flüchtlingspolitik der EU etwa sei "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit"; Fremdenhass, Antisemitismus und andere "Perversionen" würden mächtiger.

APA/HERBERT NEUBAUER

Befragt zu antisemitischen Übergriffen durch "Gelbwesten" in Frankreich meinte Ziegler, dass er die Bewegung "großartig" finde, trotz dieser "perversen Infiltration". Letzteres sei vielleicht unvermeidlich, aber doch in der klaren Minderheit. "Der Kern der Gelbwesten und ihre Energie kommt aus dem Basiswiderstand. Wir schulden ihnen Solidarität, Bewunderung und Unterstützung. Das ist der Aufstand der Armen."

Freilich: "Ohne Gewalt geht es sicher nicht." Repression durch die Polizei würde diese Gewalt nur weiter anfachen, und überhaupt: "Der Widerstand gegen die kannibalische Weltordnung wird nicht erlahmen."

Auf die APA-Frage, wie man den Kapitalismus "erfolgreich bekämpfen" könne, lieferte Ziegler keine konkrete Anleitung. Er müsse aber jedenfalls "zerstört werden, bevor er uns zerstört".

"Beschämende" Flüchtlingspolitik

Im Hinblick auf Österreich wollte eine weitere Frage zunächst rhetorisch behaupten, dass "Menschen wie der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán Österreich dankbar" seien, weil sie mittlerweile darauf verweisen könnten, dass auch Österreich "eine restriktive Flüchtlingspolitik" betreibe. Ziegler antwortete darauf, dass das "total beschämend" sei - es gebe aber auch in Österreich eine "starke Zivilgesellschaft". Von dieser hänge es ab, ob "die anderen zurückgedrängt werden".

Es gebe in einer dermaßen lebendigen Demokratie wie jener Österreichs auch "keine Ohnmacht", so der linke Denker. "Auch Sebastian Kurz ist nicht vom Himmel gefallen für die Ewigkeit", schätzt Ziegler. "Das sind Phänomene, die aus der Welt geschafft werden können durch Menschen, die aufstehen. Wann und wie das geschehen wird, weiß allerdings keiner."

(APA; Red.)