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Wie der Nannystaat die Menschen am Vermögensaufbau hindert

Leitartikel In Österreich herrscht außergewöhnlich hohe Einkommensgleichheit – und extreme Spreizung bei den Vermögen. Da hat die Regierung Handlungsbedarf.

Einkommen, hat der Budgetdienst des Parlaments herausgefunden, sind in Österreich besonders gleich verteilt. Und zwar deshalb, weil nur in wenigen Ländern dieses Globus mehr umverteilt wird als hierzulande. Der sogenannte Gini-Koeffizient, eine Messzahl zwischen null und eins, die umso höher ist, je ungleicher die Einkommen verteilt sind, liegt bei nur 0,28. Und das beschert uns neben Deutschland, Frankreich und Finnland einen Platz in der europäischen Spitzengruppe. In der Weltspitze sowieso.

Zustande kommt das, weil wir beim Umverteilen weltmeisterlich sind. Das ist sehr erfreulich, weil relativ ausgeglichene Einkommensverhältnisse den sozialen Frieden begünstigen und die Armut dämpfen. Der Anteil jener, die unter die relative Armutsgrenze (60 Prozent des Medianeinkommens) fallen, wird durch diese Umverteilung um mehr als 50 Prozent gedrückt.

Das hat aber auch gewisse Nachteile: Es führt dazu, dass Einkommen vor allem im mittleren Bereich extrem nivelliert werden und deshalb wenig Leistungsanreize bieten. Und es führt dazu, dass nur relativ wenige Schultern die Finanzierungslast des Staates zu tragen haben: Die ersten sieben Einkommensdezile sind im Schnitt Nettoempfänger, die Transfers, die sie erhalten, sind also höher als die Steuern und Abgaben, die sie bezahlen. Die gesamte Nettolast liegt demnach bei den oberen dreißig Prozent.

Aber so funktionieren Sozialstaaten nun einmal. An diesem System gibt es wenig zu bemäkeln. Außer vielleicht, dass es einiger Nachjustierungen bedarf, weil das doch sehr teure System zum Teil Ineffizienzen aufweist, die dazu führen, dass das Geld nicht immer dort landet, wo es wirklich gebraucht wird.

Im Großen und Ganzen können wir auf unseren Gini-Koeffizienten in Sachen Einkommen aber stolz sein. Ein bisschen muss man ihn noch relativieren, weil er durch die Zurechnung der Pensionen zu den Sozialtransfers (in anderen Studien rangieren diese als „verzögerte Markteinkommen“) verzerrt wird. Aber am Grundergebnis, dass Österreich ein Sozialstaat mit vergleichsweise erfolgreicher Armutsbekämpfung ist, ändert das nichts.

Das Problem liegt in einer ganz anderen Ecke. Dort, wo der Budgetdienst des Parlaments wohlweislich nicht hingeleuchtet hat. Das hätte nämlich die Intention des Studienauftrags – positive Darstellung der Sozialmaßnahmen der Regierung – deutlich hintertrieben.


Österreich hat nämlich nicht nur eine der gleichmäßigsten Einkommensverteilungen der Welt, sondern auch eine der ungleichsten bei den Vermögen: Dort liegt der Gini-Koeffizient bei sagenhaften 0,79 – und spielt damit in einer Liga mit denen der USA oder Chinas, die beide knapp über 0,80 liegen.

Das scheint auf den ersten Blick absurd. Aber nur auf den ersten. Grundsätzlich, sagen Ökonomen, ist das nicht verwunderlich: Je mehr der Vollkaskostaat für seine Bürger sorgt, desto weniger sehen sich diese veranlasst, selbst vorzusorgen. Dass die Menschen im weniger wohlhabenden europäischen Süden deutlich mehr Vermögen besitzen als Österreicher, liegt beispielsweise daran, dass dort Wohnungseigentum üblich ist, während hierzulande die Gemeinde- oder Genossenschaftswohnung die Unterkunft der Wahl ist.

Die extreme Spreizung der Gini-Koeffizienten für Einkommen und Vermögen zeigt jedenfalls politischen Handlungsbedarf auf. Und zwar nicht auf der Einkommensseite, auf der die Verteilung schon auf eine gewisse Überversorgung durch Transfers hinweist, sondern bei der Vermögensbildung.

Dort schafft man mehr Gleichheit allerdings, wie das Beispiel USA sehr schön illustriert, nicht mit Vermögensteuern, sondern mit Maßnahmen, die Vermögensbildung unterstützen. Vielleicht wäre es doch der bessere Weg, die immer noch abenteuerlich hohe Steuer- und Abgabenquote ein wenig herunterzubringen und den Menschen mehr Spielraum für Vermögensbildung zu lassen. Wenn man nur auf einen superteuren Nannystaat setzt, sollte man sich allerdings nicht wundern, wenn die Vermögensschere aufgeht.

 

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2019)