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Rewe ruft das Ende der Grabenkämpfe aus

Die Rivalität zwischen Billa und Merkur hat Wachstum gekostet (Archivbild).
Die Rivalität zwischen Billa und Merkur hat Wachstum gekostet (Archivbild).(c) Clemens Fabry

Die Rivalität zwischen Billa und Merkur hat Wachstum gekostet, sagt Österreichs Rewe-Chef Marcel Haraszti. Mit dem Konkurrenten Spar im Nacken muss eine neue Firmenkultur her. Das trifft intern nicht nur auf Gegenliebe.

Wien. Etwas sei in den vergangenen neun Jahren schiefgelaufen in seinem milliardenschweren Konzern, sagt Österreichs Rewe-Chef Marcel Haraszti. Er sei selbstkritisch und demütig genug, um zuzugeben: „Wir sind nicht die Nummer eins.“ Zwar verkauft keiner den Österreichern so viele Lebensmittel wie seine Billa-, Merkur- und Adeg-Märkte. Aber in Umfragen hätte die Konkurrenz sie bei Frische und Preis abgehängt. Und sie wachse noch dazu schneller: Während Spar jüngst wieder verkündete, seinen Marktanteil auf 31,9 Prozent erhöht zu haben, stagniert jener der Billa-Mutter bei 34,1 Prozent.

Nun heißt es dort zwar, Marktanteile und Umsätze seien nur „Abfallprodukte“ der Kundenzufriedenheit. Aber offenbar hapert es da. Haraszti hat den Grund gefunden: „Es gab Kannibalisierungen innerhalb der Gruppe“, vor allem zwischen den Flaggschiffen Billa und Merkur. Nicht jeder habe verstanden, dass der Feind nicht im Haus, sondern draußen sitzt. Also begann er in seinem ersten Jahr als Vorstand mit einem radikalen Umbau und legte 2018 Callcenter, Kundenklubs, Einkauf und Einstellungsverfahren zusammen. Der Merkur-Onlineshop wurde wegen mangelnden Erfolgs eingestampft und ging im größeren Billa-Bruder auf. Eine einzige Marke wie in Deutschland werde es aber nie geben, betont Haraszti.

Intern kam sein „Fitnessprogramm“ nicht überall gut an. Merkur-Chefin Kerstin Neumayer verließ den Konzern zu Jahresbeginn ganz. „In gutem Einvernehmen“ wird betont, aber sie habe den radikalen Strategiewechsel nicht mittragen wollen. In der Chefetage, sowohl in Wiener Neudorf als auch in Köln, ist man mit dem Kooperationskurs bisher zufrieden, der Lebensmittelumsatz legte leicht auf 7,7 Mrd. Euro zu, das erste Quartal sieht gut aus. Der Fokus auf Frische und Regionalität soll das Wachstum weiter absichern. Rewe-Chef Lionel Souque formuliert das so: „Wir werden uns mit Konserven und Klopapier nicht gegen Amazon und die Diskonter positionieren können.“

 

Sonntag „heilig“, der Rest nicht

Auch mit Österreichs lebensfernen Öffnungszeiten werde das schwer, ergänzt Haraszti. Sie entsprächen schlicht nicht mehr dem Arbeits- und Einkaufsrhythmus der Menschen. Ginge es nach ihm, hätten Billa, Merkur und Co. Montag bis Freitag schon von 7 bis 20 Uhr geöffnet, was einer Ausweitung von 72 auf 76 Stunden pro Woche entspricht. Die Samstagszeiten könnten so bleiben, der Sonntag sei „heilig“ – da sei also geschlossen.

Die Forderung ist nicht neu, die Ablehnung von Wirtschaftskammer und Gewerkschaft auch nicht. Auch Unterstützung von Spar erwartet sich Haraszti „eher nicht“. Er spricht von einer „künstlichen Protektion, die der Marktlogik widerspricht“. Rewe würde niemanden länger arbeiten lassen, sondern 500 neue Arbeitsplätze schaffen, um die Kassen zu besetzen. Das sei im Sinn der Kunden: An den 327 Tankstellenshops, die man betreibt – jüngst kamen 51 für Shell dazu, die davor Spar geführt hatte –, gelten deutlich liberalere Zeiten. Das Geschäft laufe sehr gut.

Wo es nach Krisenjahren auch besser läuft, ist bei der Drogeriekette Bipa. Das Sorgenkind des Konzerns konnte den Umsatz das erste Mal seit 2015 wieder steigern. „Das wird uns die nächsten Jahre noch beschäftigen“, sagt Haraszti. Wie es aussieht, müssten aber deutlich weniger als hundert Bipa-Filialen schließen – mit dieser Ankündigung hatte er im Vorjahr für Aufregung gesorgt. Stattdessen werde man die 588 noch bestehenden umbauen, modernisieren und mit neuen Eigenmarken bestücken. Das kostet, und so dürfte Bipa noch länger Verluste schreiben. Aber auch da habe man aus der Vergangenheit gelernt, sagt Haraszti: „Unser Fehler war, kurzfristige Ergebnisse abzuliefern.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2019)