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Erinnerung an Manfred Angerer

"Ich glaube nicht, dass er eine Lücke hinterlassen hat, sondern einen Krater“, eine Studentin formuliert, was viele denken: Manfred Angerer ist tot.

Er war 57. Er ist, das einzig Tröstliche an dieser Nachricht, offenbar tatsächlich „friedlich von uns gegangen“, denn er starb über der Lektüre eines Buches, anscheinend ohne Kampf.

Manfred Angerer war die prägende Gestalt der Wiener Musikwissenschaft. Mehr noch, er war jener Mann, dem es gelang, dem Universitätsinstitut Esprit einzuhauchen, eine Eigenschaft, für die, sagen wir es vorsichtig, die hiesige Musikologie zuvor nicht weltberühmt gewesen war.

Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge Angerers als Dozent. Man konnte sich mit ihm auf den Gängen des Instituts über Wagner, Schönberg oder sogar Skrjabin unterhalten, über Komponisten also, die im praktischen Musikleben vorkommen. Ende der Siebzigerjahre kam solcher Realitätsbezug einer Sensation gleich. Man stellte gemeinsam sogar Überlegungen an, ob Theodor Adorno mit seiner Brachialverteidigung der Schönberg'schen Doktrinen vor der Geschichte recht behalten würde, oder ob nicht doch die Einschätzung eines Pierre Boulez am Ende ein Körnchen Wahrheit enthalten sollte – derzufolge der führende Meister jener Epoche ja doch Igor Strawinsky heißt.

Je kontroversieller die Meinungen dazu waren, umso fruchtbringender die Dialoge. Verständlich daher die Zuneigung der Studierenden. Ein wirklich leidenschaftliches Verhältnis zur Sache geht ja der Musikwissenschaft – weiß Gott nicht nur in Wien – in aller Regel ab. Überdies: Dass ein solch Liebender zur Integrationsfigur der Wiener Musikwissenschaft werden konnte, gehört angesichts der nicht nur im universitären Bereich notorischen heimischen Neidallianzen, dem natürlichen Schutzschild gegen jede charismatische Qualität, zu den Wundern. Das war offenbar auch den Studenten klar. Wenn Angerer dozierte, herrschte Überfüllung im Hörsaal. Einen solchen Menschen so weit vor der Zeit verlieren zu müssen, ist nicht nur für seine Familie eine veritable Tragödie.


wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2010)