„The Remains“: Kein Grab im Meer, kein neues Leben in Wien

(c) 2019 Navigator Film

Im Dokumentarfilm „The Remains“ zeigt Nathalie Borgers Flüchtlinge, deren Angehörige ertrunken sind.

Die Off-Stimme ist die schärfste Waffe der Dokumentarfilmer, und sie kann viel zerstören. Nathalie Borgers hat für „The Remains“ ganz auf sie verzichtet. Dabei greift die Belgierin, wie schon bei „Fang den Haider“, ein immens politisches Thema auf: die Flüchtlingskrise von 2015 und die Ertrunkenen im Mittelmeer. Aber die Politik, der Aktivismus, der moralische Appell bleiben außen vor. Die Bilder von der Insel Lesbos sprechen für sich. Auch sie leise und damit umso eindringlicher: keine angeschwemmten Leichen, aber zerschellte Boote. Und Gräber, auf denen statt Namen nur Nummern stehen, von nicht identifizierten Opfern der Überfahrt aus der trügerisch nahen Türkei. In langen Einstellungen, die eigenen Gedanken viel Raum lassen.

Borgers animiert die Helfer der NGO nicht zu flammenden Anklagen, sondern sieht ihnen bei der Alltagsarbeit zu. Wie auch den Einheimischen, die vielleicht gar nicht für Flüchtlinge sind, aber nicht anders können, als Leid zu lindern. Etwa die Arbeiter, die den Friedhof verschönern, um den großteils anonymen Toten ein wenig Würde zurückzugeben.

Vor allem aber geht es um die Frage: Wie gehen Überlebende damit um, dass ihre Angehörigen am Grunde des Meeres liegen? Die Antwort sucht Borgers bei der syrischen Familie Jamil, die sie erzählen und schweigen lässt, ganz diskret. Farzat lebt schon seit 2014 in Wien. 2017 konnten Vater und Schwestern nachkommen, von da an hat die Regisseurin sie begleitet. Nach der Katastrophe: 13 Familienmitglieder sind ertrunken. Damit werden die Hinterbliebenen nicht mehr fertig. Ein Bruder Farzats, der Frau und Kinder verloren hat, ist in Deutschland gelandet, lebt dort schwer traumatisiert und vereinsamt. Versuche, ihn ganz nach Österreich zu holen, scheitern. Auch die Bitten, die Leichen aus der Ägäis zu bergen, gehen ins Leere. „Es gibt kein Grab im Meer“, ruft der Vater verbittert, bevor er wieder in stumme Trauer verfällt. Nein, das ist auch kein Film über gelungene Integration und neuen Lebensmut. Er folgt keinem Skript, sondern der Realität, die traurig ist, aber nie ganz ohne Hoffnung. Eben das macht ihn sehenswert, wichtig, zu Recht auf der Diagonale preisgekrönt. Ab heute in heimischen Kinos.