Erstmals Negativzinsen für Firmen

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2018 mussten Unternehmen in Österreich für ihre Bankeinlagen erstmals Negativzinsen bezahlen. Grund dafür sind deutsche Firmen, die große Geldmengen nach Österreich bringen.

Wien. Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank stellt bereits seit knapp einem Jahrzehnt die Zinssituation in den Euro-Mitgliedsländern auf den Kopf. Für Kredite sind beinahe keine Zinsen zu bezahlen, dafür erhalten Sparer auch für ihre Einlagen beinahe nichts mehr. Bisher noch ausgeblieben ist hierzulande, dass für Einlagen bei Banken Negativzinsen gezahlt werden müssen. Das hat sich im Vorjahr nun geändert. „Im Jahr 2018 hat es erstmals negative Zinssätze für Unternehmenseinlagen in Österreich gegeben. In Deutschland ist das schon seit 2016 so“, sagt Johannes Turner, Chef der Statistikabteilung der Nationalbank am Donnerstag bei der Präsentation der Kredit- und Zinsstatistik für das Jahr 2018.

Konkret mussten die Unternehmen im Schnitt einen negativen Zinssatz von 0,09 Prozent für ihre Einlagen bei Finanzinstituten zahlen. Allerdings sei es kein „systematisches Thema“. Kleinere und mittlere Betriebe dürften nach wie vor positive Zinsen für ihre Einlagen erhalten. Anders sehe das bei den Großunternehmen aus, die durch ihre Masse den Durchschnitt in den negativen Bereich drücken. Hinzu komme, dass auch ausländische Unternehmen – vor allem aus Deutschland – zunehmend ihre Liquidität bei österreichischen Banken lagern, weil sie das billiger kommt. Von den rund drei Milliarden Euro Einlagenneugeschäft pro Monat entfällt bereits ein „dreistelliger Millionenbetrag“ auf ausländische Unternehmen, so Turner.

Für Private ausgeschlossen

Bei Privatkunden gab es indes keine Änderung beim Zinsniveau. Wie in den Vorjahren liegt es mit durchschnittlich 0,21 Prozent bei einer Laufzeit von bis zu einem Jahr knapp über der Nulllinie. Negativzinsen für Private wurden hierzulande ja bereits vom Obersten Gerichtshof ausgeschlossen. „Aber auch in anderen europäischen Ländern gibt es für Private bisher keine Negativzinsen“, so Turner.

Die niedrigen Zinsen führen aber auch auf der anderen Seite der Bilanz – bei den Krediten – zu einer Reaktion des Markts. Sowohl Private als auch Unternehmen haben ihre Kreditaufnahme in den vergangenen Jahren deutlich gesteigert. In Summe stieg das inländische Kreditvolumen bei den heimischen Banken von 314 Mrd. Euro im Jahr 2008 auf 357 Mrd. Euro im Vorjahr. Haupttreiber seien dabei vor allem Wohnbaukredite gewesen.

Die Kreditaufnahme wuchs 2018 um 6,8 Prozent – und damit wesentlich stärker als in anderen EU-Ländern. Trotz dieses höheren Wachstums sei die Verschuldung jedoch immer noch unter dem EU-Schnitt, so Turner. Auch früher war sie bereits höher. „Die Unternehmen sind beispielsweise mit 40 Prozent im Verhältnis zum BIP verschuldet. Vor der Krise lag dieser Wert bei 46 Prozent. Wir haben in Österreich also keine exorbitanten Verschuldungswerte.“ Das Kreditwachstum ist aus Sicht der Nationalbank durchaus noch „gesund“.

Kaufen auf Pump stagniert

68 Prozent des Kreditvolumens entfällt in Österreich inzwischen auf den Wohnbau. Auch hier liegt der EU-Schnitt mit 76 Prozent nach wie vor spürbar darüber. Auch bei den Konsumkrediten sei das Niveau im restlichen Europa in der Regel höher, so Turner. In diesem Segment liegt Österreich mit einem Wachstum von 0,5 Prozent ebenfalls unter anderen EU-Ländern. So legten Konsumkredite, die von den Aufsehern aufgrund der fehlenden Sicherheiten immer mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden, beispielsweise in Deutschland um 5,1, in Italien um 9,1 und in Spanien sogar um 14,7 Prozent zu. (jaz)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2019)

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