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Ungarn: Willensstarker Stratege, hemmungsloser Populist?

(c) AP (Bela Szandelszky)
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Nach achtjähriger, für ihn bitteren Abstinenz kehrt Viktor Orbán zurück auf den Sessel des ungarischen Regierungschefs. Die Meinungen über den Vollblutpolitiker gehen weit auseinander.

Viktor Orbán hat es erneut geschafft. Wie schon 1998 kann er wieder auf dem Stuhl des Regierungschefs Platz nehmen. Zwischen damals und heute gibt es aber einen gewaltigen Unterschied: Während sich Orbán in der Legislaturperiode 1998 bis 2002 in der Regierung mit zwei Koalitionspartnern herumschlagen musste, kann er mit seinen rechtskonservativen die nächsten vier Jahre völlig unbehelligt regieren. Orbán ist auf dem Zenit seiner bisherigen politischen Laufbahn angelangt.

Bis zu seiner Studienzeit hatte der heute 46-jährige Orbán mit Politik eigentlich wenig am Hut. Er wuchs in einer mehr oder minder apolitischen kleinbürgerlichen Familie in den zentralungarischen Ortschaften Alcsútdoboz und Felcsút auf, unweit der Stadt Székesfehérvár. Von klein auf war Orbán harte körperliche Arbeit gewöhnt. Er musste nicht nur die Schweine auf dem elterlichen Hof regelmäßig füttern, sondern hatte auch immer wieder bei der Feldarbeit mitzuhelfen. Orbáns ausgeprägtes Pflichtbewusstsein, sein Fleiß und seine Zähigkeit rühren vermutlich aus dieser Zeit.

Nach dem Abschluss des Gymnasiums ging Orbán nach Budapest, um Rechtswissenschaften zu studieren. Dort schloss er sich einer Studentenvereinigung an, die im Schatten der kommunistischen Obrigkeit die Luft der Demokratie schnupperte. Sie lud immer wieder Vertreter der damaligen Bürgerrechtsbewegung zu Vorträgen ein.

 

1989 erstmals im Rampenlicht

Orbán stieg rasch zum Lenker und Wortführer der studentischen Gemeinschaft auf. 1988, ein Jahr vor der Wende, ging aus der Studentenvereinigung schließlich eine politische Partei hervor: der Bund Junger Demokraten (Fidesz), damals noch eine sozialliberale Kraft.

Zum ersten Mal im politischen Rampenlicht stand Orbán 1989, als er während der Feierlichkeiten zur neuerlichen Beisetzung des legendären Ministerpräsidenten des Volksaufstandes von 1956, Imre Nagy, vor hunderttausenden Menschen auf dem Budapester Heldenplatz die sowjetischen Besatzungstruppen zum Abzug aufforderte. Orbán war damals 25 Jahre alt. In der Folge wurde die ungestüme Schar der Jungdemokraten zur festen Größe der postkommunistischen Politik des Landes.

 

Ideologische Neuausrichtung

Bereits Anfang der 1990er-Jahre begann der Machtmensch Orbán damit, seine Position innerhalb der Partei zu festigen. Seine politische Linie wurde immer mehr zur Richtschnur für die gesamte Partei. So geschah es auch 1993/94, als die Jungdemokraten vor der Entscheidung standen, politisch nach rechts zu rücken oder weiterhin eine liberale Politik zu verfolgen. Orbán setzte sich durch: Der Fidesz wandelte sich zu einer bürgerlich-konservativen Partei.

Die ideologische Neuausrichtung erwies sich als kluger Schachzug. Nur wenige Jahre später, 1998, gelangte die Orbán-Partei zum ersten Mal ans Ruder. Mit 38Jahren wurde er damals Premier einer rechtskonservativen Regierungskoalition.

Ein Kennzeichen der ersten Regierung Orbán war ihre offensive Vertretung nationaler Interessen in der Außenpolitik. Die Unterstützung der in den Nachbarländern lebenden ungarischen Minderheiten zählte dabei zu den wichtigsten Zielen. Dafür nahm die Orbán-Regierung Spannungen mit den Nachbarländern in Kauf.

Aber auch in der Wirtschaftspolitik wurde das nationale Element in den Vordergrund gestellt. „Wirtschaftspatriotismus“ wurde zum geflügelten Wort. Dieser zielte nicht zuletzt darauf ab, ungarische Unternehmen bei staatlichen Aufträgen zu bevorzugen.

In den vergangenen acht Jahren in der Opposition bewies Orbán Steherqualitäten. Obwohl er als Spitzenkandidat des Fidesz zwei Parlamentswahlen hintereinander verloren hat (2002 und 2006), konnte er sich im Sattel halten. Es ist ihm sogar das Kunststück gelungen, seine Macht innerhalb der Partei auszubauen. Orbán erwies sich überdies als großes Organisationstalent. Er formte aus dem Fidesz eine moderne und schlagkräftige Volkspartei.

Seine politischen Weggefährten loben ihn als gewieften Taktiker und umsichtigen Strategen. Von Insidern werden ihm auch Willensstärke, zuweilen auch Halsstarrigkeit zugeschrieben. Seine politischen Gegner hingegen sehen in ihm einen Antidemokraten und hemmungslosen Populisten. Aussagen Orbáns, wie „Die Heimat (sprich: Fidesz) kann nicht in der Opposition sein“ (2002), haben im In- und Ausland immer wieder für Irritationen gesorgt.

 

Fußball über alles

Für den Privatmenschen Orbán ist der Fußballsport das große Steckenpferd. Seine Begeisterung für Fußball ging sogar so weit, dass auf sein Betreiben hin in seiner Heimatgemeinde Felcsút eine Fußballakademie aus dem Boden gestampft wurde. Das Landhaus der Familie Orbán in Felcsút steht direkt neben dem Fußballfeld.

Orbán ist seit 1986 mit Anikó Lévai verheiratet. Das Ehepaar hat fünf Kinder. Kommentar, Seite 31

AUF EINEN BLICK

In der zweiten Runde der ungarischen Parlamentswahl am Sonntag standen die nationalkonservativen Jungdemokraten von Viktor Orbán vor dem totalen Wahltriumph. Hatten sie in der ersten Runde am 11. April mit 53 Prozent bereits die absolute Mehrheit erreicht, so winkte ihnen jetzt sogar die Zweidrittelmehrheit im Parlament (258 der 386 Parlamentssitze). Sie ermöglicht der Partei die Änderung der Verfassung im Alleingang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2010)

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