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Auf dem Land mit Kind, ohne Auto

Das Verkehrsverhalten von Männern mit Kindern unterscheidet sich bisher kaum von dem der Männer ohne Kinder.
Das Verkehrsverhalten von Männern mit Kindern unterscheidet sich bisher kaum von dem der Männer ohne Kinder.(c) REUTERS (Kai Pfaffenbach)
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Erstmals wird in Österreich erhoben, wie sich das Verkehrsverhalten von Menschen auf dem Land nach der Familiengründung ändert. Die Daten zeigen eine traditionelle Rollenaufteilung.

Verkauft euer Auto! Geht immer zu Fuß! – So radikale Empfehlungen schrecken Menschen eher ab. „Man muss sich erst einmal auf die kleinen Dinge beschränken“, sagt Elisabeth Raser vom Institut für Verkehrswesen der Boku Wien: „Wir versuchen, bestimmte Wege in bestimmten Gegenden zu finden, die auch ohne Auto zu bewältigen sind: beispielsweise kleinere Einkäufe im Ort.“ Raser leitet ein Forschungsprojekt zur Frage, wie man jungen Familien auf dem Land Alternativen zum Auto schmackhaft machen kann.

Die Idee kam den Forschern bei Projekten, die das Radfahren im ländlichen Raum fördern sollten. Bei den Daten aus Deutschland sahen sie, wie stark die Strecken auf dem Rad und zu Fuß zurückgehen, sobald Kinder im Haushalt leben. Dahinter steckt wohl die Sorge um die Sicherheit der Kinder, aber auch der Komfort, den das eigene Auto bietet.

Das heimische Forschungsprojekt heißt nun „Anfang“ (gefördert vom Technologieministerium im Programm „Mobilität der Zukunft“), weil Menschen am Anfang ihrer Familiengründung im Fokus stehen – aber der Name beschreibt auch gut, dass die Forscher fast bei null anfangen müssen.

„In den Städten gibt es unzählige Projekte, die den Verzicht auf das Auto fördern“, erzählt die Steirerin, die selbst auf dem Land viel mit dem Fahrrad fuhr, bis sie ihren Führerschein bekam. In Schulen und Kindergärten der Stadt erfahren schon die Kleinsten, welche Alternativen es zum Autoverkehr gibt. Grätzelinitiativen, die z. B. Lastenräder verleihen, helfen städtischen Familien im Alltag.

 

Es fehlt an Infrastruktur

„Auf dem Land ist es ganz anders, da gibt es fast nichts. Wir haben das Verkehrsverhalten aller Personen in zentralen Bezirken ausgewertet“, sagt Raser. Also in Regionen, in denen etwa 75 Prozent der Bevölkerung in 30 Minuten ein überregionales Zentrum wie die Landeshauptstadt erreichen können. Überall zeigt sich, dass die Struktur bzw. das Fehlen von Infrastruktur bedingt, dass die Alltagswege von jungen Familien hauptsächlich motorisiert zurückgelegt werden.

Menschen mit Kindern gehen auf dem Land zwar mehr zu Fuß als Menschen ohne Kinder: „Aber nur in der Freizeit. Für die Bring- und Holwege sowie die Fahrten zur Arbeit sind Mütter und Väter stark auf das Auto angewiesen.“

 

Spillern und Langenzersdorf

Als Kooperationsgemeinden sind Spillern und Langenzersdorf in Niederösterreich im Projekt dabei, jeweils mit sehr engagierten (Vize-)Bürgermeistern, die alternative Mobilität fördern wollen.

Über die Berichterstattung in den Gemeindezeitschriften wurden werdende Mütter und Väter direkt angesprochen, um Teilnehmer für die Studie zu finden. In detaillierten Interviews erfuhren die Forscher, wie junge Familien in ländlichen Gebieten ihren Tagesablauf organisieren. Die Auswertung läuft derzeit noch, aber es zeigt sich bereits, dass es nicht die Länge der Wege ist, was die Entscheidung zum Auto erklärt: Oft sind die Bring- und Holwege gar nicht so weit. Es ist wohl der stressige Alltag, der dazu führt, dass man die Kinder ins Auto setzt, statt lang bei einer Bus- oder Bahnhaltestelle zu warten. Viele Befragte meinten etwa: Den Bus gibt es zwar, aber wann der fährt, wissen wir gar nicht. „Wir sehen auch, dass die Rollenaufteilung in Familien auf dem Land noch sehr traditionell ist“, sagt Raser.

Das Verkehrsverhalten zwischen Mann und Frau unterscheidet sich stark: Die Frau bleibt zu Hause, kümmert sich um die Kinder und fährt sie von A nach B. Der Mann fährt in der Früh in die Arbeit und kommt am Abend retour. „Das Verkehrsverhalten von Männern mit Kindern und Männern ohne Kinder auf dem Land zeigt kaum einen Unterschied.“ Öffentlich fahren nur diejenigen zum Job, die ein gutes Angebot und ausgebaute Infrastruktur vorfinden.

 

Mit Kinderwagen steht man an

Die Forscher und die Gemeindeverwaltungen suchen nun nach Ansatzpunkten, wie man in kleinen Schritten die Menschen weg vom Auto bringen kann. „Einige Ideen werden schon umgesetzt, wie gemeinsames Radfahren oder Pedibus-Initiativen, bei denen Eltern eine Gruppe von Kindern zu Kindergarten oder Schule begleiten“, weiß Raser.

Aber für frische Eltern und ganz kleine Kinder gibt es fast nichts: „Es ist oft schwer, mit dem Kinderwagen durchzukommen.“ Die Forscher gehen nun direkt zu den Familien, um zu erfahren, warum alternative Verkehrsmittel nicht attraktiv sind. Und was sie sich wünschen, damit sie das Auto öfter stehen lassen können, um die Routine ohne Komfortverlust zu durchbrechen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2019)