Mit arbeitsbedingten Erkrankungen ist es ähnlich wie mit Lebensstil-Krankheiten: Sie lassen sich sehr oft durch gezielte Maßnahmen verhindern.
Dass der Mensch einmal den Großteil des Tages vor einem Bildschirm verbringt, war in der Evolution nicht vorgesehen. Skelett und Muskeln sind fürs Laufen optimiert und daher denkbar schlecht für die Arbeitswelten von heute geeignet. Die Folgen: Muskel-Skelett-Erkrankungen stehen an der Spitze der arbeitsbedingten Krankheiten. Dabei ist das Thema Sitzen im Büro alles andere als neu. Schon vor drei Jahrzehnten haben Arbeitsmediziner über die richtige Haltung bei der Computerarbeit informiert. „Die Frage ist aber nach wie vor aktuell“, sagt Sonja Rustler, Arbeitsmedizinerin der AUVA. Bei Büroarbeitern ist vor allem die Halswirbelsäule betroffen. Manche Orthopäden nennen die Wirbel C5 und C6 mittlerweile Bürowirbel, weil sie von der Bildschirmarbeit besonders oft in Mitleidenschaft gezogen werden.
»Ausrüstung zur Verfügung stellen reicht nicht, es muss unterwiesen, kontrolliert und vorgelebt werden.
Sonja Rustler
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Die gute Nachricht: Die Auswirkungen auf die Wirbelsäule sind bei richtigem Verhalten zu einem großen Teil vermeidbar. Im Internet lassen sich Informationen für die richtige Sitzhaltung am Bildschirmarbeitsplatz ergoogeln. Zudem ist dynamisches Sitzen angesagt. Die Sitzposition soll immer wieder verändert, Tätigkeiten wie Telefonieren im Stehen erledigt werden. Und so oft wie möglich lohnt sich Bewegungsausgleich. Viele Firmen bieten bereits Gymnastik an. „Wenn dazu die Zeit fehlt: Zumindest die Stiegen anstelle des Lifts nehmen, die Straßenbahn eine Station früher verlassen und zu Fuß gehen“, empfiehlt Rustler.
Psychische Belastungen steigen. Im Vormarsch bei den berufsbedingten gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind psychische Belastungen, berichtet Alfred Barth von der Wiener Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention: „Stress, Mobbing, die Digitalisierung mit permanenter Erreichbarkeit, mit Arbeiten zu Hause und auf Reisen haben die Arbeitswelt und damit die Belastungen verändert.“ Die Grenze zwischen Beruf und Freizeit verschwinde für immer mehr Menschen, „das ist ein wesentlicher Risikofaktor für Burnout“, sagt Barth. Dass manche diese herausfordernde Arbeitswelt schätzen und 15-Stunden-Arbeitstage problemlos durchstehen, hänge mit der unterschiedlichen Belastbarkeit der Menschen und vor allem der Tätigkeit selbst zusammen. „Wenn die Arbeit Sinn und Spaß macht, wenn eine sehr hohe intrinsische Motivation gegeben ist, ist das die beste Burnout-Prävention“, meint Barth. Aber der Durchschnittsmensch sei nicht in dieser Situation, betont er.
Prävention müsse hier auf verschiedenen Ebenen ansetzen, erläutert der Experte: „Wesentlich ist, die Arbeit durch organisatorische Maßnahmen stressfreier zu gestalten und die Motivation der Mitarbeiter zu fördern“ (siehe „Mit Köpfchen“, Seite 68). Auch eine gesunde Lebensweise helfe bei der besseren Bewältigung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz.
Lärm: mehr als nur lästig. Belastet wird die Psyche von Büroarbeitern auch durch Lärm: „Aufgrund der Zunahme der Großraumbüros sind wir immer stärker mit diesem Thema konfrontiert“, sagt Hildegard Weinke, Arbeitnehmerschutzreferentin der Arbeiterkammer. Die Konzentrationskraft leidet unter lauten und lästigen Geräuschen, die Fehleranfälligkeit steigt, aber auch Kopfschmerzen und Verspannungen können die Folge sein. Dabei sei das Problem meist leicht in den Griff zu bekommen, auch nachträglich. Teppichböden, Wanddekorationen, Trennwände und Büromöbel mit schallschluckenden Oberflächen reduzieren den Lärmpegel auf ein erträgliches Maß, weiß Weinke.
Ein wesentliches Risiko für die Gesundheit bei vielen manuellen Tätigkeiten auf Baustellen, in Produktionsbetrieben und Werkstätten ist Lärm. Hier wirken sich nicht nur die psychischen, sondern vor allem die physischen Folgen auf Wohlbefinden und Lebensqualität aus. „Lärmschwerhörigkeit bringt neben allen anderen Beeinträchtigungen auch soziale Probleme für die Betroffenen, da sie sich in Gesellschaft kaum noch unterhalten können“, sagt Rustler.
Bei Lärm hängt wie bei Auswirkungen von Vibrationen und Staub der Erfolg von Präventionsmaßnahmen von der Mitwirkung der Betroffenen ab. Den Erfahrungen der AUVA nach ist die Bereitschaft groß, Lärm- bzw. Staubschutzausrüstung zu benützen, wenn vom Unternehmen darauf Wert gelegt wird: „Es reicht aber nicht, die Mittel zur Verfügung zu stellen, es muss unterwiesen, kontrolliert und vorgelebt werden“, weiß Rustler.
Ein Organ, das bei zahlreichen beruflichen Tätigkeiten strapaziert und geschädigt wird, ist die Haut. Ständiger Kontakt mit Schmierstoffen kann ebenso Hautprobleme verursachen wie häufiges Waschen oder Färben von Haaren im Friseur-Beruf oder der Umgang mit Putzmitteln bei Reinigungskräften. Als wirkungsvolle Präventionsmaßnahmen werden das Tragen von Handschuhen, Auftragen von Hautschutzcreme inklusive ein- bis zweimaliges Nachcremen pro Arbeitstag und das Benutzen einer Pflegecreme am Abend empfohlen. Richtig durchgeführt, lassen sich auf diese Weise arbeitsbedingte Hauterkrankungen meist verhindern. Die AUVA hat im Rahmen von Aktionen Angehörige verschiedener Berufszweige über die Notwendigkeit solcher Maßnahmen informiert und vor allem auch motiviert, sie zu nutzen. Dadurch konnte die Zahl an berufsbedingten Hauterkrankungen deutlich reduziert werden.
Mangelnde Konsequenz. Ein Haken bei allen Präventionsmaßnahmen ist, dass sie trotz des Wissens darüber nicht von allen Betroffenen konsequent umgesetzt werden. Das hängt nach Meinung von Rustler mit grundsätzlichem menschlichen Verhalten zusammen: „Man will nicht sehen, dass es Konsequenzen gibt, die nur durch Änderung des eigenen Verhaltens zu verhindern sind.“
Wobei arbeitsbedingte Erkrankungen nicht nur ein persönliches Gesundheitsproblem darstellen, sondern auch einen wesentlichen volkswirtschaftlichen Faktor. Genaue Berechnungen über die Kosten von mit der beruflichen Tätigkeit zusammenhängenden Krankheiten gibt es nicht. Laut einer Wifo-Studie aus dem Jahr 2008 stehen nach Selbsteinschätzung der Beschäftigten etwa 45 Prozent der Krankenstandstage in Zusammenhang mit beruflichen Belastungen. Die Folgen von physischen Arbeitsplatzbelastungen werden in dieser Studie auf 1,2 bis 1,3 Prozent des BIP geschätzt. Inklusive psychosozialer Faktoren wäre es das doppelte. Nicht nur die Volkswirtschaft, auch jedes Unternehmen könnte von gesünderen Mitarbeitern profitieren, erklärt Barth: „Weniger Krankenstände, weniger Fluktuation schlagen sich fraglos positiv auf der Kostenseite nieder.“ Auch die Bindung an das Unternehmen, werde verbessert. Prävention am Arbeitsplatz lohnt sich also für alle Beteiligten.