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Verdi mit alten und neuen Extremen unter Currentzis

Auch mit dem Orchester erzielte Currentzis Staunenswertes – weniger mit der teilweise enormen Lautstärke, sondern eher mit Details wie dem penibel ausbalancierten Kondukt des Lacrymosa.
Auch mit dem Orchester erzielte Currentzis Staunenswertes – weniger mit der teilweise enormen Lautstärke, sondern eher mit Details wie dem penibel ausbalancierten Kondukt des Lacrymosa.(c) APA/AFP/STEPHANE DE SAKUTIN

Kritik
Standing Ovations für Verdis Requiem im Konzerthaus.

Teodor Currentzis polarisiert: Der Dirigent mit dem sorgfältig aufgebauten Image des visionären Exzentrikers gilt den einen als neuer Messias der Klassik, den anderen als der Gottseibeiuns. Derzeit ist er an der Spitze seines Stammensembles, also von Chor und Orchester Music-Aeterna der Permer Oper, mit Verdis Requiem auf Tournee.

Besonders der Chor ist phänomenal: ein Wunder an Klangreinheit, differenzierter Kraftentfaltung und deklamatorischer Intensität – vom sonor geflüsterten Beginn bis zur schwerelosen Präzision der Sanctus-Fuge. Auch mit dem Orchester erzielte Currentzis Staunenswertes – weniger mit der teilweise enormen Lautstärke, sondern eher mit Details wie dem penibel ausbalancierten Kondukt des Lacrymosa. Und aufregend, wenn im Tuba mirum das Blech einmal nicht die in Triolen chromatisch abstürzenden Streicher übertönt. Dabei war es gerade die dynamische Inszenierung der Partitur, die zum Teil befremdlich wirkte. Denn Currentzis ging mit Verdis Lautstärkevorschriften willkürlich um. Geschenkt, dass er den Pianissimo-Beginn zum puren Klanghauch abdämpft; interessant, wenn er Aufführungstraditionen hinterfragt, etwa die Portamenti des Mezzosoprans beim Liber scriptus. Aber wenn der Tenor sein Kyrie schmettert, als rufe Radames zum Fahnenappell, ist das anfangs gewonnene Subtilitätskapital sofort wieder verspielt. Dabei war gerade René Barbera der Trumpf des Solistenquartetts, weil ihm vom schwebenden Mezzavoce bis zu strahlender Heldenkraft alle Nuancen zur Verfügung stehen. Schade, dass an diesem Abend der Extreme zwischen Intensität und purem Stimmprotzertum nicht zu unterscheiden war. (wawe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2019)